Ob in Kiel oder München, Saarbrücken oder Berlin – fast überall in Deutschland stand am Montag (02.02.2026) der Nahverkehr still. Busse und Straßenbahnen fuhren nicht. Der 24-stündige Warnstreik, zu dem die Gewerkschaft Verdi aufgerufen hatte, legte fast ganz Deutschland lahm. Eine Ausnahme war Niedersachsen, weil dort andere tarifliche Regelungen gelten.
In Berlin wiederum waren einige Trambahnen unterwegs – allerdings ohne Fahrgäste. Die Bahnen fuhren nur, damit die Oberleitungen nicht erneut einfrieren, was diesen Winter bereits der Fall war. Aber das ist eine andere Geschichte.
Für viele, die zur Arbeit, zur Uni, zum Arzt oder einfach irgendwohin mussten, hieß das: umsteigen und improvisieren. Fahrrad, Auto, Taxi, Uber oder zu Fuß. Die Folge waren volle Straßen. Allein in Nordrhein-Westfalen summierten sich die Staus am Montagmorgen auf rund 500 Kilometer.
Fahrer*innen müssen Personalmangel auffangen
Einer, der am heutigen Montag nicht wie sonst hinter dem Lenkrad saß, sondern streikte, ist Ronny. Er ist Busfahrer in Parchim in Mecklenburg-Vorpommern. Außerdem engagiert er sich politisch in seiner Stadt und ist Betriebsratsvorsitzender.
"Ich bin gerne Busfahrer und zwar seit zwanzig Jahren. Aber so wie es zurzeit ist, geht es nicht weiter."
So sehr Ronny seinen Beruf mag, die Belastung, sagt er, ist inzwischen zu hoch. Besonders die sogenannten geteilten Dienste machen ihm zu schaffen: Frühmorgens und nachmittags fährt er Schüler*innen zur Schule beziehungsweise holt sie von dort ab. Dazwischen hat er mehrere Stunden Pause – eigentlich. Denn laut Ronny sind seine Pausen selten für Ruhe und Erholung da. "Immer wieder klingelt das Telefon, es geht um zusätzliche Fahrten wegen Krankheitsvertretungen oder Personalmangel." Die lange Ruhezeit gebe es meistens nur auf dem Papier.
"Man startet morgens so gegen 5.30 Uhr, fährt die Schüler und fängt dann mittags wieder an. Oft ist man erst gegen 17 oder 18 Uhr zu Hause."
Hinzu kommen Abend-, Nacht- und Wochenendschichten. Alkoholisierte Fahrgäste, Aggressionen, Frust – vieles entlade sich vorne bei ihm, dem Fahrer. "Manchmal habe ich auch Angst", sagt er.
Warum dieser Streik anders ist
Dass der Nahverkehr bundesweit bestreikt wird, ist eine Besonderheit, sagt Wirtschaftsjournalist Nicolas Lieven. Normalerweise würden Tarifverhandlungen im Nahverkehr auf Länderebene geführt – dieses Mal nicht.
Im Fokus steht aktuell nicht der Lohn, sondern der Manteltarifvertrag, der die Arbeitsbedingungen regelt. Die Gewerkschaft fordert:
- kürzere Wochenarbeitszeiten
- kürzere Schichten
- längere Ruhezeiten
- mehr Zuschläge für Nacht- und Abendarbeit
"Die Belastung für Bus- und Straßenbahnfahrer*innen hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen", sagt Nicolas Lieven. Der Schichtdienst habe schon immer zu diesem Job gehört, nun würde aufgrund des bestehenden Personalmangels mehr Flexibilität von den Fahrer*innen verlangt, also hier und da einzuspringen. Davon berichtet auch Ronny.
Bessere Arbeitsbedingungen haben ihren Preis
Den jetzigen Warnstreiktag begegnen viele Passagiere mit Verständnis, berichtet Nicolas Lieven. Gleichzeitig sei klar: Bessere Arbeitsbedingungen kosten Geld. Doch die Arbeitgeber stünden unter Druck, die Kassen der Kommunen seien klamm. Ein Dilemma: Ohne bessere Bedingungen fehlen weiter Fahrer*innen. Laut Branchenverband sind es bundesweit jetzt schon rund 20.000. Mit besseren Bedingungen jedoch wird der Betrieb teurer.
"Die Fahrpreise werden möglicherweise steigen."
Viele Forderungen, null Entgegenkommen
Mitte Februar stehen die nächsten Verhandlungsrunden an. Nicolas Lieven geht nicht von einer schnellen Einigung aus. Sollten sich mindestens 75 Prozent der Verdi-Mitglieder in einer Urabstimmung dafür aussprechen, könnten unbefristete Streiks folgen – nicht nur tageweise, sondern über Wochen. "Vielleicht wird dann nicht bundesweit gestreikt", mutmaßt der Journalist, "dafür aber mal in dem einen, mal in dem anderen Bundesland." Denn bis jetzt gehen die Arbeitgeber überhaupt nicht auf die Forderungen ein, erklärt der Journalist. Mit anderen Worten: Verdi und die Arbeitgeberseite liegen maximal auseinander. "Daher kann ich mir nicht vorstellen, dass sich dieser Streit in den nächsten Tagen klärt."
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