Wie groß das Ausmaß der sexuellen Gewalt an Kindern und Jugendlichen durch die Kirche war, und warum so viel verborgen geblieben ist, untersuchen Forschende der Universität Paderborn seit knapp zwei Jahren. Am Montag (02.12. 2021) sind erste Zwischenergebnisse veröffentlicht worden.

Erste Zwischenergebnisse einer für vier Jahre angelegten Studie der Universität Paderborn zeigen, was bereits angenommen und befürchtet wurde: Sexueller Missbrauch in der Kirche wurde nicht nur in Kauf genommen, sondern auch systematisch vertuscht.

Mehrfachtäter*innen: 43 Prozent der Beschuldigten im Erzbistum Paderborn

Allein für das Erzbistum Paderborn konnten die Forschenden für den Zeitraum zwischen 1942 und 2002 160 Beschuldigte ausfindig gemacht. 43 Prozent von ihnen sind Mehrfachtäter*innen.

Dass Täter*innen von der Kirche geschützt worden sind, hatten die Forschenden angenommen, allerdings hatten sie nicht mit Vertuschungen diesen Ausmaßes gerechnet.

Straftäter*innen werden oft versetzt, dokumentiert wird kaum

Ähnlich wie Kriminalermittler*innen mussten die Forschenden zum Teil vorgehen, um an Erkenntnisse zu gelangen.

Zunächst haben sich Personalakten und Dokumente aus kirchlichen und weltlichen Strafverfahren angesehen. Allerdings wurde vieles nicht dokumentiert, deswegen haben die Forschenden unter anderem auch Betroffene interviewt.

Gründe für die fehlende Dokumentation

Einer der Gründe, weshalb die Studienautor*innen nur wenige Unterlagen finden konnten, lag darin, dass die zwei Erzbischöfe in Paderborn, über deren Amtszeit sich der Untersuchungszeitraum erstreckt, offenbar nicht viel Wert darauf gelegt haben, Missbrauch zu ahnden.

Viel mehr scheinen sie es billigend in Kauf genommen zu haben. Das ergibt sich aus Personalakten, die zeigen, dass Täter und auch Täterinnen (Ordensschwestern) immer wieder versetzt worden sind.

Zum Teil sogar, nach dem ein Beschuldigter oder eine Beschuldigte verurteilt worden waren. Das führte in manchen Fällen dann zu weiteren Straftaten durch dieselben Täter und Täterinnen. Allerdings gab es auch andere Gründe, aus denen Hinweise auf sexuellen Missbrauch nicht verfolgt wurden.

Viele haben etwas gewusst, aber nichts unternommen

Es war nicht nur die Kirche, die dafür gesorgt hat, dass Straftaten wie sexueller Missbrauch durch Geistliche nicht verfolgt wurde. Auch Eltern und Kriminalermittler sollen Kindern und Jugendlichen nicht geglaubt haben, wenn diese auf sexuellen Missbrauch hinwiesen. Zum Teil wussten die Opfer aber auch selbst nicht, was mit ihnen passierte und konnten Geschehenes nicht als Straftaten einordnen.

Framing: Täter*innen werden als Opfer dargestellt

Auch verurteilte Geistliche wurde oftmals eher als Opfer dargestellt. Straftaten gegenüber Kindern und Jugendlichen wurden in vielen Fällen wohl eher verharmlost.

Die Studienautor*innen kamen zu dem Ergebnis, dass das, was nicht als Vergewaltigung galt, in der Regel nicht als gefährdend für das Leben der Betroffenen angesehen wurde.

Im Gegensatz dazu wurde eine Bewährungsstrafe für einen oder eine Kleriker*in als belastend oder beeinträchtigend gewertet.

Hilfe für Missbrauchsopfer der Kirche und anderer religiöser Gemeinschaften:

  • beauftragter-missbrauch.de: Dahinter verbirgt sich der unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs - eine staatliche Stelle, die es seit 2010 gibt. Die Beratungs-Telefonhotline ist nicht immer besetzt.
  • Wer in Not ist, also akut leidet, findet bei der klassischen Telefonseelsorge Hilfe. Die Nummer gibt es unter telefonseelsorge.de - dort gibt es auch eine Beratung per Chat oder Mail.
  • Hilfe bei Missbrauch an Kindern und Jugendlichen: http://www.gegen-missbrauch.de/verein
  • Bundesweite Hilfe bei religiösen Missbrauch: http://sekten-info-nrw.de

Das Foto oben auf dieser Seite ist ein Symbolbild, das ein Kirchenschiff zeigt.