Mit dem Wechsel auf dem Posten der Drogenbeauftragten erneuert sich die Kritik an der deutschen Drogenpolitik. Wie ihre Vorgängerin verfolgt auch Daniela Ludwig (CSU) eine Null-Toleranz-Linie. Doch Ärzte, die in der Suchttherapie arbeiten, wünschen sich etwas anderes.

Seit gestern (18.09.2019) ist Daniela Ludwig neue Drogenbeauftragte der Bundesregierung. Eigentlich ist die 44-jährige CSU-Politikerin Verkehrsexpertin im Bundestag. Jetzt wechselt sie von der Seite des Bundesverkehrsministers Andreas Scheuer (CSU) zu Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), der sehr zufrieden mit der Neubesetzung ist. Er erhofft sich frischen Wind, wie er sagt. Und auch Ludwig selbst glaubt, dass es vorteilhaft sein könne, sich dem Thema mit unvoreingenommenem Blick zu nähern.

Neue Drogenbeauftragte ohne Expertise

Expertise in Sachen Drogenpolitik hat Daniela Ludwig nicht. Und das hat auch schon für viel Kritik und auch Spott im Netz gesorgt. In ihrer Haltung scheint sie aber klar zu sein und tritt damit in die Fußstapfen ihrer ins EU-Parlament gewechselten Vorgängerin, die ebenfalls null Toleranz gefordert hatte.

Daniela Ludwig (CSU) – die Drogenbeauftragte des Bundes
© dpa
Daniela Ludwig (CSU) – neue Drogenbeauftragte des Bundes

Für Drogenverbände und Aktivisten allerdings ist null Toleranz gegen Süchtige keine Option. Sie wünschen sich, dass Sucht als Erkrankung anerkannt und dementsprechend Hilfe angeboten wird.

Suchtkranke brauchen sichere, saubere Umgebung

Dr. Christian Plattner arbeitet in Düsseldorf in der Diamorphinabgabestelle. Dort bekommen Schwerstabhängige reines Heroin. Voraussetzung ist, dass man seit mindestens fünf Jahren abhängig ist und andere Therapien abgebrochen hat. Der Mediziner sagt, es gehe vor allem darum, den Suchtkranken eine sichere Umgebung zu bieten, in der sie mit sauberen Nadeln und medizinisch reinem Stoff konsumieren.

Prävention nützt Suchtkranken nichts

Damit Menschen süchtig werden, müssen meist viele Faktoren zusammenkommen, berichtet Christian Plattner aus seiner Erfahrung. Meist sei Sucht eine Folge davon, dass soziale Bindungsmöglichkeiten – wie etwa stabile Familienverhältnisse – fehlen.

"Sucht ist meiner Meinung nach ganz oft die Folge von Traumata. Alle meine Patienten haben vielfach Traumata erlebt, also Gewalt, Armut, Misshandlungen."

Christian Plattner beklagt, dass von politischer Seite oft vergessen werde, dass Menschen Drogen konsumieren, um einen Zweck zu erfüllen, beispielsweise um Schmerz und andere Gefühle wegzudrücken, die als unangenehm empfunden werden.

"Dealer und Szene ersetzen Dinge, die in der Vergangenheit nicht gekannt wurden: Familie, Zuversicht, eine Perspektive für die Zukunft."
Dr. Christian Plattner, Allgemeinmediziner an der Diamorphinabgabestelle in Düsseldorf

Der Düsseldorfer Arzt wünscht sich, dass der Begriff Sucht auf gesellschaftlicher Ebene weniger belastet ist. Das müsse aber auf politischer Ebene angeschoben werden. Für die Patienten sei Hilfe an der Stelle nötig, an der sie stehen. Ihnen nütze Suchtprävention wenig.

"Prävention muss in erster Linie den verantwortungsvollen Umgang mit der Neugierde junger Menschen in Sachen Drogen zum Ziel haben. Das Interesse an Drogen ist da, und wir werden dieses Interesse durch Verbote nicht ändern."
Dr. Christian Plattner, Allgemeinmediziner an der Diamorphinabgabestelle in Düsseldorf

Doch genau auf Suchtprävention will sich die neue Drogenbeauftragte – wie auch ihre Vorgängerin Marlene Mortler – konzentrieren.

Sucht sollte als Erkrankung anerkannt werden

Für Christian Plattner ist das alles andere als ein Fortschritt. Er wünscht sich, dass Sucht weder positiv noch negativ bewertet wird - sondern als Erkrankung begriffen wird.

"In der Politik und in der Gesellschaft wird Sucht oft als moralisches Fehlverhalten hingestellt und nicht als das was es ist: eine Erkrankung."
Dr. Christian Plattner, Allgemeinmediziner an der Diamorphinabgabestelle in Düsseldorf

Gemessen an ersten Statements der neuen Drogenbeauftragten ist nicht davon auszugehen, das sich die Wünsche von Ärzten, die in der Suchttherapie arbeiten, allzu bald erfüllen werden. Daniela Ludwig hatte sich schon vor Jahren gegen eine Legalisierung von Cannabis geäußert.

Schlechte Aussichten auf liberalere Drogenpolitik

Vermutlich werden Grüne, Linke, FDP und auch der Sozialdemokrat Karl Lauterbach mit der Forderung nach einer milderen und weniger repressiven Drogenpolitik an ihr scheitern. Genauso wie drogenpolitische Verbände mit ihrem Argument, dass Verbote und Kriminalisierung nicht dazu führen, dass Jugendliche weniger Drogen konsumieren.

In Ländern wie Portugal und Niederlanden zeigen die Zahlen, dass sich eine liberalere Drogenpolitik positiv auswirkt. In Portugal zum Beispiel ist die Anzahl derer, die Drogen genommen haben und sie dauernd konsumieren, seit der Entkriminalisierung des Drogenkonsums im Jahr 2001 von 45 Prozent auf 28 Prozent gesunken.