Unter dem Hashtag #systemkrank haben viele Menschen teils sehr private Probleme auf Twitter veröffentlicht. Von echten Problemen bis Hatespeech war alles dabei. Wir klären, wo das Hashtag her kommt und warum so viele Menschen darauf anspringen.

Wer erst später auf das Hashtag #systemkrank gestoßen ist, der bekam leicht den Eindruck, dass es sich um eine Aktion aus dem politisch rechten Spektrum handeln könnte. Es gab zahlreiche Tweets, die diesen Schluss zumindest nahelegten. Und ja, auf das Hashtag sind massiv Leute aus dem Umfeld von AfD und Pegida aufgesprungen, auch Twitter-Bots aus dem Spektrum haben mitgemischt.

Michael Gessat, DRadio Wissen Netzreporter
"Eigentlich sollten wir am besten dem Reflex widerstehen, dass direkt in eine Ecke zu packen und 'rechts' draufzukleben. An manchen Statements ist ja vielleicht etwas dran, obwohl die gleichzeitig eine gewisse Weltsicht reflektieren."

Der Ursprung war allerdings ein ganz anderer. Initiiert hat das Hashtag Christine Finke, die als Autorin und Stadträtin arbeitet und bei mama-arbeitet.de bloggt. Sie beschäftigt sich vor allem mit den Problemen Alleinerziehender, Arbeit und Familie unter einen Hut zu bekommen. Und in diese Richtung gingen auch ihre Tweets. Diese Probleme sind tatsächlich häufig strukturell, also, wenn man so will, systembedingt.

Unter #systemkrank fanden sich aber auch schnell Äußerungen, die alle möglichen Probleme mit dem System in Zusammenhang gebracht haben. Darunter teils wirklich private Geschichten. Für Andreas Zick, Konfliktforscher an der Universität Bielefeld, kommen da zwei Dinge zusammen. Denn wer seine privaten Probleme öffentlich macht, wird Teil einer Bewegung. Gleichzeitig mindert sich das Problem, weil das Gefühl entsteht: Ich habe das Problem benannt und es kümmert sich jemand.

"Ein Hashtag holt Leute ab. Das heißt, er bietet eine Identität an: 'Wir gegen das System.' Das ist ja ein Feindschaftsverhältnis, was ja auch noch Spaß macht."
Andreas Zick, Konfliktforscher an der Universität Bielefeld

In dieser kurzfristig gebildeten Community sammeln sich Menschen mit verschiedenen Motiven. Die einen fühlen sich sozial isoliert oder allein gelassen und finden über diese Hashtag-Bewegung Gleichgesinnte. Es gibt aber auch die Menschen, die nach Macht, Einfluss und Dominanz suchen, nach Bestätigung in Form von Likes oder Favs.

"Es gibt auch viele Leute, die suchen Sinn. Die verstehen vieles nicht mehr, was in der Gesellschaft passiert."
Andreas Zick, Konfliktforscher an der Universität Bielefeld

All diese Motive können in den sozialen Netzen befriedigt werden. Radikale Gruppen nutzen dieses Gefühl des Alleingelassenseins gegenüber einem übermächtigen Gegner - dem System - aus. Die ganzen Hass- und Wutreden gegen das System holen Menschen ab und radikalisieren sie, ohne, dass sie das wirklich merken, sagt Andreas Zick.

"Wir sehen, das muss man auch leider drüber reden, dass durch dieses massive Feindschaftsverhältnis 'Das System ist an allem Schuld' Leute in die Radikalität gezogen sind."
Andreas Zick, Konfliktforscher an der Universität Bielefeld

Das Problem an dem Feindbild ist: "Das System" ist ein wenig konkreter Begriff. Denn wer soll das sein? Wer ist damit gemeint? Das heißt, das System kann niemanden abholen. Und genau das ist, sagt Andreas Zick, sehr gefährlich. Weil es an der Stelle keinen Ansatzpunkt gibt.

Lücke für Rechtsextremisten

Und das ist das Loch, in das zum Beispiel rechtsgerichtete Gruppierungen stoßen und auch Extremisten. Sie schaffen Themen unter denen sich Menschen versammeln können. Wie zum Beispiel eine groß angelegte Kampagne gegen Kinderschänder, der viele Menschen gefolgt sind ohne zu wissen, wer das Thema überhaupt initiiert hat.

Es gibt einen Ansatzpunkt

Für Andreas Zick gibt es dennoch einen Ansatzpunkt. Dafür ist zunächst wichtig zu unterscheiden: Welche Äußerungen sind mit Wut und Aggression zu erklären, wo geht es um Hatespeech, und wo werden wirklich Probleme benannt? Da wo es um wirkliche Probleme geht, gibt es Ansatzpunkte.

"Im Grunde genommen muss man versuchen, den Menschen die Verantwortung wieder zurückzugeben."
Andreas Zick, Konfliktforscher an der Universität Bielefeld

Mit diesen Menschen können wir Handlungsmöglichkeiten entwickeln, sie nach ihren Ideen fragen oder Lösungen anbieten. Damit mindert sich die Unzufriedenheit und der Gegner "System" wird dadurch greifbar.