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Die Zukunft für die Zivilbevölkerung ist mit der Machtergreifung durch die Taliban ungewiss. Dürfen Mädchen in Afghanistan noch in die Schule? Um solche Fragen zum Beispiel wird es jetzt gehen.

Jetzt, da die Taliban die Macht übernommen haben, versuchen sie den Menschen in Afghanistan "Normalität vorzugaukeln", sagt ARD-Korrespondent Peter Hornung.

Peter Hornung, ARD-Korrespondent für Afghanistan
"Die Taliban sind gerade dabei, ihre Macht zu konsolidieren. Sie tun am ersten Tag ihrer Herrschaft so, als sei alles normal."

Die Taliban haben den Präsidentenpalast in Kabul besetzt, Präsident Ghani hat das Land bereits verlassen. "Der Krieg in Afghanistan ist vorbei", sagt der Sprecher des Taliban-Politbüros, Mohammad Naeem, dem Sender Al-Dschasira. Die Form der Regierung werde bald feststehen.

Ein Grund, warum die Machtübernahme durch die Taliban so schnell ging, liegt beim afghanischen Militär: Viele Kommandeure der afghanischen Armee sind geflohen, Soldaten waren teilweise schlecht ausgestattet, hatten keine Munition und haben kein Gehalt bekommen, beschreibt Silke Diettrich, ARD-Korrespondentin für Afghanistan.

Afghanische Armee hat sich ins nichts aufgelöst

"Die ist tatsächlich weg", sagt Peter Hornung. Aber: Vielleicht sei die afghanische Armee auch nie so dagewesen, wie das immer angenommen wurde. In den vergangenen Monaten sei mit einer Stärke von 300.000 Soldaten gerechnet worden. Tatsächlich seien es aber weit unter 100.000 Soldaten gewesen, das habe eine US-Analyse festgestellt, sagt Peter Hornung. Die Zahlen seien also falsch angegeben worden.

Auch seien die Taliban geschickt vorgegangen: Sie haben die Dorfältesten überzeugt, die Soldaten zur Kapitulation zu überreden – was in vielen Fällen geklappt hat, sagt Silke Dittrich. Hinzu komme, dass die Motivation gering war. "Sie waren zwar gut ausgebildet, konnten aber mit den hochtechnisierten Geräten nicht umgehen", so Peter Hornung.

Menschen wollen raus aus Afghanistan

Die Menschen, zu denen Peter Hornung Kontakt hat, haben Angst und wollen alle weg aus Afghanistan, weil sie nicht wissen, was kommen wird. Am Flughafen herrsche absolutes Chaos, weil so viele Menschen das Land verlassen wollen. Aus deutscher Sicht sind es rund 10.000 Menschen, die als Botschaftsmitarbeitende, Ortskräfte oder Mitarbeitende von Organisationen ausgeflogen werden müssen.

Die US-Soldaten sollen für einen reibungslosen Ablauf am Flughafen sorgen. "Das funktioniert aber eher schlecht als recht", berichtet Peter Hornung.

Taliban an der Macht - und jetzt?

Was die Machtübernahme durch die Taliban für die Zivilbevölkerung bedeutet, ist noch nicht abzusehen, meint Silke Dittrich. Die neuen Machthaber würden der Bevölkerung sagen, sie sollen weiter zur Arbeit und in die Schule, sollen ihre Aufgaben und Pflichten erfüllen, als hätte sich nichts geändert, berichtet Peter Hornung. In Kabul patrouillieren die Taliban in Fahrzeugen der afghanischen Polizei. Sie würden so tun, als sei in einem Tag dieses islamische Emirat Afghanistan entstanden, erklärt der ARD-Korrespondent.

Einerseits sei für die Sicherheit gesorgt

Die Taliban sagen, dass für die Sicherheit der Bürger und der diplomatischen Vertretungen gesorgt werde. Auch signalisieren Taliban-Sprecher – unter anderem per Whatsapp gegenüber westlichen Journalistinnen und Journalisten –, dass Mädchen weiterhin zur Schule gehen und Frauen auch studieren dürften.

Stefan Recker, Leiter der Vertretung von Caritas International in Afghanistan
"Die Taliban sind gerade extrem konziliant. So kennt man sie eigentlich nicht."

Der Leiter der Vertretung von Caritas International in Afghanistan, Stefan Recker, sagt: Die Taliban seien gerade konziliant und auch unter ihnen könne man arbeiten. Stefan Recker lebt seit 15 Jahren in Afghanistan. Bei Programmen für Frauen, "muss man aber lange verhandeln". Seiner Einschätzung nach zeigen die Taliban auch kein Interesse daran, Regierungsbeamte zu entlassen oder auszutauschen.

Davon abgesehen sei es ohnehin schwierig, eine einheitliche Strategie der Taliban zu erkennen, weil diese aus unterschiedlichen Fraktionen mit unterschiedlichen Interessen bestehen. "Man muss erst mal sehen, wie sich das in Zukunft ausbalanciert."

Andererseits kommt es zu Gewalt gegen die Bevölkerung

Gerade ist es in der afghanischen Hauptstadt ruhig, sagt Silke Diettrich. Grund sei auch, dass sich manche Menschen nicht auf die Straßen trauen, weil sie nicht die Kleidung haben, die von den Taliban akzeptiert wird.

Aus Provinzen gebe es Berichte, sagt Silke Diettrich, dass Frauen gesteinigt wurden. Ein Mädchen sei ausgepeitscht worden, weil sie offene Sandalen getragen hat. Zudem gebe es Vergeltungsmorde.

Die Taliban hätten zwar gesagt, dass sie den Frauen Zugang zu Bildung und Gesundheit und auch zum Arbeitsleben ermöglichen würden, sagt die ehemalige Außenminister Afghanistans, Rangin Spanta, im Interview mit dem Deutschlandfunk. Doch diese Errungenschaften der letzten 20 Jahre glaubt sie jetzt mit der Machtergreifung der Taliban verloren.

Die Taliban wollen in Afghanistan laut eigener Aussage eine "wahre islamische Herrschaft" im Rahmen das Scharia-Rechts aufbauen. Dies umfasst unter anderem Strafen wie Handabhacken und Steinigungen.