Tim Berners-Lee, der Begründer des World Wide Web, hat sich frustriert darüber gezeigt, wie sehr Fake-News und Hass dem Internet zu schaffen machen. Deshalb wirbt er jetzt für einen Neustart im Internet - mit einer Magna Charta fürs Netz.

Das Netz hat sich in eine ganz andere Richtung entwickelt, als es sein Gründer geplant hatte. Tim Berners-Lee, der als Urvater des World Wide Webs gilt, macht sich deshalb jetzt für einen Neustart im Internet stark. Sein Projekt nennt er "Magna Carta für das Internet". Die Magna Charta ist ursprünglich das historische Dokument der Freiheitsrechte in England aus dem 13. Jahrhundert. In der Web-Version wird daraus eine Art Vertrag, der die Nutzer zu einem verantwortungsvollen Umgang mit dem WWW animieren soll.

"Berners-Lee möchte ein Web, das der Menschheit, der Wissenschaft und der Demokratie dient. Die Magna-Charta ist der Vertrag dafür, an den sich die Nutzer halten sollen."
Andreas Noll, Deutschlandfunk Nova

Nun besteht das WWW aber aus Milliarden von Webseiten, die sich unmöglich alle unter einen Hut bringen lassen. Vorschreiben kann man den Seitenbetreibern nichts, solange es sich nicht um strafbare Handlungen handelt.

Berners-Lee hat äußerst ambitionierte Ziele. Folgende Grundprinzipien schweben ihm vor – und er ist dabei, einflussreiche Player von seinem Projekt zu überzeugen.

  • Er will Regierungen verpflichten, dass sie für die Privatsphäre ihrer Bürger im Netz kämpfen, dass sie einen uneingeschränkten Zugriff aufs Netz sicherstellen und dass die Bürger ohne Sorge das WWW nutzen können.
  • Von den Unternehmen erwartet Berners-Lee den Respekt der Privatsphäre und die "Arbeit an Technologien, um das Wohlergehen der Menschen zu fördern".
  • Die User sollen verpflichtet werden, für ein offenes Web einzutreten, Online-Debatten respektvoll zu führen und die Menschenwürde zu achten.

Wer sich an dem Projekt beteiligen möchte: Auf der Website der Web-Foundation von Berners-Lees können Interessierte Namen und Email-Adresse hinterlassen. Wie genau der Vertrag für das Web aussehen wird, ist aber noch offen. Im Mai 2019 wird er veröffentlicht. Auf Twitter läuft die Debatte unter dem Hashtag #Fortheweb.

Google und Facebook machen mit

Bis jetzt unterstützen unter anderem Google, Facebook und die französische Regierung den Vorstoß des Netzerfinders. Insgesamt gut 50 Organisationen haben das Dokument schon unterzeichnet.

"Dass die Unterstützung durch Facebook und Google nicht unproblematisch ist, weiß auch Berners-Lee."
Andreas Noll, Deutschlandfunk Nova

Dass die Webgiganten Google und Facebook unterschrieben haben, ist Chance und Problem zugleich. Sein Ziel sei es aber, so Berners-Lee in einem Interview mit dem Guardian, die Debatte anzufachen und auf die Probleme aufmerksam zu machen. Dass die Forderungen nur sehr schwer überprüft oder gar eingeklagt werden können, liegt auf der Hand.

Magna Charta ist "keine bekloppte Idee einiger Idealisten"

Eine gewisse Skepsis ist also durchaus angebracht, sagt Deutschlandfunk-Nova-Reporter Andreas Noll. Trotzdem sollte man das Projekt nicht als "bekloppte Idee einiger Idealisten" abtun, meint er.

Seiner Meinung nach beschreibt es Jonathan Zittrain, Jura-Professor an der Harvard University, im Guardian ganz gut: "Für mich ist die wichtigste Funktion dieses Vertrages die Tatsache, dass er die User daran erinnert, dass das Web von heute nicht alternativlos ist. Dass man es besser machen kann."

Vor einem Monat hat Berners-Lee auch seine Pläne für die neue Social-Media-Plattform Solid bekannt gegeben. Es soll eine Plattform werden, auf der jeder seine Daten vollständig unter Kontrolle hat.

Mehr zum Thema: