Tunesien gilt unter den arabischen Staaten als Vorreiter, was die Rechte von Frauen angeht. Doch Nachholbedarf gibt es auch dort - vor allem beim Erbrecht.

In keinem anderen arabischen Land haben Frauen so viele Rechte wie in Tunesien. Habib Bourguiba, Tunesiens erster Präsident nach der Unabhängigkeit, hat sich während seiner Regierungszeit für die Gleichberechtigung stark gemacht. Und noch heute werden seine Beschlüsse respektiert, sagt Deutschlandfunk-Nova-Korrespondent Jens Borchers.

Frauen können in Tunesien fast alle Berufe ausüben - nur Imam dürfen sie nicht werden. Auch der Anteil von Frauen im Parlament ist vergleichsweise hoch: Mit rund 31 Prozent sitzen etwa so viele Frauen im tunesischen Parlament wie bei uns in Deutschland.

Frauen dürfen künftig Nicht-Muslime heiraten

Im Sommer diesen Jahres wurden außerdem zwei Gesetzesänderungen beschlossen, die die Rechte der Frauen weiter stärken sollen: Ab kommendem Jahr wird jegliche Gewalt gegen Frauen - auch seelische oder sexuelle - unter Strafe gestellt, berichtet Jens Borchers. "Die zweite wichtige Neuerung ist, dass Frauen künftig auch Nicht-Muslime heiraten können. Das war bisher per Erlass verboten."

Außerdem ist die umstrittene und in einigen arabischen Ländern noch immer praktizierte sogenannte "Wiedergutmachungsehe" in Tunesien Geschichte: Bei der "Wiedergutmachungsehe" bleibt der Vergewaltiger straffrei, wenn er sein Opfer nach der Vergewaltigung heiratet.

Erbregelung benachteiligt Frauen

Trotz der Gesetzesänderungen und relativ weitgehender Rechte für Frauen, besteht aber auch in Tunesien noch Nachholbedarf beim Thema Gleichberechtigung. Obwohl etwa der Frauenanteil im Parlament recht hoch ist, sagt Jens Borchers, haben Frauen trotzdem wenig Entscheidungsmacht: "Wenn wir uns angucken, wie viele Frauen in wirklich wichtigen politischen Entscheidungspositionen sitzen, dann sieht es deutlich düsterer aus."

Beim Erbrecht werden Frauen im Vergleich zu Männern in Tunesien stark benachteiligt.

"Im Schnitt sieht es so aus: Frauen erben die Hälfte von dem, was die männlichen Mitglieder erben."
Jens Borchers, Deutschlandfunk-Nova-Korrespondent

Die Befürworter dieser Regelung argumentieren: Das sei eine Regelung, die im Koran festgelegt sei, deshalb könne sie nicht einfach ändern. 

Doch immer mehr Frauen wehren sich gegen diese Ungleichbehandlung. So wie Monia Ben Jemia. Sie ist Präsidentin der Frauenrechtsorganisation ATFD und findet: Eine Änderung des Erbrechtes hätte vor allem auch eine symbolische Wirkung.

"Die Religion ist doch nur ein Vorwand. Da geht es um das Patriarchat, um das Machotum."
Monia Ben Jemia, Uniprofessorin und Präsidentin der Frauenrechtsorganisation ATFD

Signalwirkung für den arabischen Raum

Tatsächlich hat die tunesische Regierung in diesem Jahr eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die bis zum Frühjahr Änderungsvorschläge beim Erbrecht erarbeiten soll. Dann könnte es auch hier bald gerechter zugehen.

Für Jens Borchert hat die selbstbewusste Gleichberechtigungspolitik Tunesiens auch Signalwirkung auf die Nachbarländer.

"Es ist gut, wenn ein Land wie Tunesien da tatsächlich eine Vorreiterrolle einnimmt, weil es einfach die Diskussion in den anderen Ländern mit anheizt."
Jens Borchers