Chiara zieht bald um. Fürs Referendariat muss sie weiter weg ziehen, als ihr lieb ist. Sie fühlt sich fremdbestimmt – wegen ihrer Studienwahl, die lange zurückliegt. Was tun, wenn sich solche Entscheidungen später nicht mehr richtig anfühlen?
Chiara will Lehrerin werden. Nach dem Studium soll ihr Referendariat beginnen. Doch als Chiara wusste, wohin sie dafür ziehen muss, hatte sie ein unwohles Gefühl im Bauch. "Oje, das ist keins von meinen Wünschen. Dann habe ich geguckt, wo dieser Ort liegt, und habe dann nur diese zweieinhalb Stunden gesehen – da war es bei mir auch vorbei. Der Tag war wirklich nicht schön", erinnert sie sich.
"Das war dieser Moment, wo ich dachte: Ich brauche einen Plan B. Ich trete das Referendariat nicht an. Ich möchte das nicht."
Chiara war lange klar, dass sie Lehrerin werden möchte. Vor einer Klasse zu stehen und zu unterrichten, macht ihr viel Spaß. Sie wusste auch, dass das Referendariat Teil der Ausbildung ist. Als sie mit dem Studium angefangen hat, lag das aber noch weit in der Zukunft. Außerdem ist es möglich, Wunschschulen oder -orte anzugeben. Das hat bei ihr aber nicht geklappt.
Dass Chiara die nächsten 18 Monate weiter von zu Hause wegziehen muss, hat sie getroffen. "Ich denke, viele kennen das: Wenn etwas plötzlich real wird, denkt man nochmal ganz anders über gewisse Dinge. Das war bei mir dieser Erkenntnismoment, wo ich dachte: Ich will nicht. Ich möchte bei meiner Familie und in meinem Umfeld bleiben", erzählt sie.
Mittlerweile weiß sie aber: Sie möchte das Referendariat in der anderen Stadt jetzt durchziehen. Wirklich wohl fühlt sie sich damit aber weiter nicht. Es fühlt sich fremdbestimmt für sie an.
Per Vertrag gebunden – funktioniert heute nicht gut
Damit ist Chiara nicht alleine. In Deutschland gibt es einige Jobs, die mit ähnlichen Verpflichtungen wie einem Wohnortwechsel kommen. Wer verbeamtet ist, zum Beispiel bei der Polizei, kann den Dienstort nicht immer beeinflussen. Für Ärzt*innen gibt es wiederum das Landärzteprogramm. Hier verpflichten sie sich, für eine bestimmte Anzahl an Jahren auf dem Land zu arbeiten, wenn sie dafür ohne den passenden NC einen Medizinstudienplatz bekommen.
Ein Grund für dieses System ist der Fachkräftemangel und die Verteilung von Fachkräften. Das Problem: Heute geht dieser Plan nicht mehr wirklich auf. "Wir stellen fest, dass sich junge Menschen nicht so gerne auf lange Jahre festlegen, weil sie noch nicht wissen: Wo wird mein Lebensschwerpunkt sein? Lege ich mich fest, werde nachher fünf Jahre unglücklich und muss die dann absitzen? Das macht es schwierig, diese Programme mit geeigneten Kandidatinnen und Kandidaten zu füllen", sagt Dirk Werner vom Institut der deutschen Wirtschaft.
Er forscht unter anderem zum Fachkräftemangel in verschiedenen Berufen. Er sagt, dass die Hemmschwelle für junge Menschen heute höher ist, weil es sowohl die Unsicherheit gibt, wie zukunftsfähig der Beruf ist, als auch, wie sich eine Region entwickeln wird. Gehen wir einen Vertrag ein, sind wir aber daran gebunden.
"Wir stellen fest, dass sich junge Menschen nicht gerne auf lange Jahre festlegen, weil sie noch nicht wissen: Wo wird mein Lebensschwerpunkt sein?"
Er hält es für nicht mehr sinnvoll, Menschen über einen Vertrag an einen Ort zu binden. Stattdessen sieht er hier Förderprogramme, die eine Region attraktiv machen. Dabei gehe es darum, die Menschen vor Ort erleben zu lassen, wie schön und lebenswert es dort ist. "Wenn man das wirklich erfahren kann und da schon eine gewisse Zeit verbracht hat, dann wächst auch eine Bindung", sagt der Wirtschaftsforscher.
Falsche Entscheidung?
Für Chiara wurde entschieden, wohin sie ziehen soll. Bei ihr gibt es gerade einige Fragzeichen: Wird sie in der neuen Stadt eine passende Wohnung finden? Wie ist es an der neuen Schule? Der Umzug ist für sie mit Ungewissheit verbunden.
"Dass man sich gerade als junger Mensch falsch festlegt und später mit dieser Entscheidung ringt, kommt sehr häufig vor."
Sich fremdbestimmt zu fühlen, ist verständlich. "In dem Moment, in dem wir uns entscheiden, haben wir noch die Wahl. Ab dem Zeitpunkt, wo wir uns festgelegt haben, ist diese Wahl nicht mehr gegeben. Deswegen kann es sein, dass wir uns vor der Entscheidung noch sehr frei fühlen – später dann aber das Gefühl haben, sehr eingeengt zu sein", erläutert Eva Asselmann. Sie ist Professorin für Differentielle und Persönlichkeitspsychologie an der Health and Medical University.
Wir werden ein anderer Mensch
Vor allem entwickeln wir uns auch weiter. Besonders als junger Mensch kann sich eine Entscheidung, von der wir vor ein paar Jahren überzeugt waren, heute nicht mehr richtig anfühlen.
Wenn sich unser Bauchgefühl nicht gut anfühlt, empfiehlt Eva Asselmann:
- hinhören und dem Gefühl Raum zu geben – auch wenn das erst mal unangenehm ist
- Informationen einholen: Was wären Alternativen? Gibt es Wege, wie ich mich umorientieren kann? Welche Freiräume habe ich aktuell noch? Auch wenn wir unseren Beruf nicht wechseln können, ist häufig innerhalb des Jobs einiges möglich, das wir anpassen können. Das kann zum Beispiel ein neuer Schwerpunkt sein.
- sich klarmachen, dass die Entscheidung endgültig scheint, sie es aber nicht ist
"Wichtig ist immer auch die Überzeugung: Ich werde einen Weg finden, auch wenn es vielleicht nicht leicht wird", sagt sie. Mit der Gewissheit, dass wir es schaffen können, gehe sich der Weg leichter.
In der Podcast-Folge geht Eva Asselmann noch weiter darauf ein, warum eine gewisse Fremdbestimmung zum Arbeiten dazugehört, wie wir damit umgehen können, wenn wir mit unserem Unwohlsein bei anderen nicht auf Verständnis treffen und auch, wie wir herausfinden können, dass ein anderer Job doch besser zu uns passt. Klickt dafür oben auf den Play-Button - oder hört die Podcast-Folge in unserer Deutschlandfunk App.
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- Asselmann, E. (2026). Too much: Warum wir Kontrolle suchen – und Kraft im Loslassen finden. dtv Verlag.
