Leo Martin hat zehn Jahre beim Verfassungsschutz gearbeitet. Als Agent hat er V-Leute im Bereich der organisierten Kriminalität angeworben und betreut. Aber mit jedem Karriereschritt wurde die Arbeit langweiliger und bürokratischer. Da ist Leo Martin ausgestiegen.

Leo Martin hat zehn Jahre lang beim Verfassungsschutz - dem deutschen Inlandsgeheimdienst - gearbeitet. Zuvor hat er eine Polizeiausbildung gemacht. Weil er einer der besten war, hat sich das Innenministerium bei ihm gemeldet. "Sie haben mir hinter verschlossenen Türen einen Job angeboten in der Fallführung, Auswertung, Analyse. Ich durfte lernen neben so einem Urgestein der Auswertung, so ein alter Hase mit allen Wassern gewaschen", erzählt Leo Martin.

Das klingt auf den ersten Blick spannend - aber ein Geheimdienst ist letztlich auch nur eine Verwaltungsbehörde, deren Arbeit an die Polizeiarbeit grenzt und in manchen Bereichen eben darüber hinaus geht.

V-Leute anwerben

Leo Martins Hauptarbeit bestand darin V-Leute aus dem Milieu der organisierten Kriminalität anzuwerben. Erfolgreich war er nur dann, wenn er die richtigen Leute langfristig an der richtigen Stelle hatte.

"Einen wildfremden Typen, der im kriminellen Milieu lebt, trotzdem dazu zu bringen mit uns zu kooperieren. Wir haben keine Informationen aus Menschen rausgepresst. Mein Job war es, immer zu wissen, wer wo was mit wem macht."
Leo Martin über seine Arbeit beim Verfassungsschutz

Der Job war gefährlich. Einmal im Quartal eine Morddrohung zu bekommen, war normal. Aber es wurde sehr auf die Sicherheit geachtet - sowohl für die Geheimdienstmitarbeiter als auch für die V-Leute.

Zuwendung, Aufmerksamkeit, Bestätigung

Die Arbeit beim Geheimdienst war für Leo Martin ein emotionales Abenteuer: Er musste seine V-Leute rundum betreuen, immer mit dem Risiko, dass sie plötzlich abspringen, oder sich und ihn verraten. "Professionelle Menschenkenntnis war immer ein Thema. Wir sind ausgebildet in einem Persönlichkeitstypisierungssystem."

Einmal hat ihm ein V-Mann von seinem schlechten Gewissen erzählt und ihm gedroht: Angeblich habe er gewusst, wo Leo Martin wohnt. "Da schluckst du erstmal, bist mit der Aufmerksamkeit bei dir: Kann er es wirklich wissen oder nicht?" Die wichtigste Strategie in so einem Moment: Die Aufmerksamkeit auf den Gesprächspartner richten und rausfinden, wo das Problem liegt.

Informanten für sich gewinnen

Seine V-Leute hat Leo Martin meist mit einer erfundenen Geschichte gewonnen. Irgendwann hat er sich dann offenbart und gesagt: "Ich komme vom Geheimdienst. Wir möchten mit dir arbeiten." Ganz wichtig war dabei Authentizität. Um Informanten für sich zu gewinnen, hat Leo Martin sie mit Insiderwissen konfrontiert, um dann direkt zu sagen, dass er sich eigentlich für eine ganz andere Sache interessiere. Und genau dafür braucht er eben diese Person. "Ich würde das Insiderwissen nie und nimmer für eine Erpressung nutzen. Ich habe ein anderes Ziel und du wärst der perfekte Mann. Ich highlite sein Ego im nächsten Schritt", erklärt Leo Martin sein Vorgehen.

"Wenn ich einen Informanten angesprochen habe, bin ich da meist unter falscher Fahne ansegelt. Er hat mich als Typen schätzen gelernt. Da geht es immer um emotionale Anziehungskraft. Dann kommen die Karten auf den Tisch."
Leo Martin erklärt, wie er V-Leute gewonnen hat

Vom Agenten zum Verwaltungshengst

2008 ist Leo Martin beim Inlandsgeheimdienst ausgestiegen - von heute auf morgen. Als Agent hatte er weder einen Arbeitsvertrag noch eine Kündigungsfrist. Er konnte einfach seine Entlassung beantragen. Bevor er ging, musste er seinem Auftraggeber einfach nur seine Fälle übergeben. Der Grund dafür war einfach: Leo Martin hat beim Verfassungsschutz Karriere gemacht. Mit jedem Schritt nach oben haben sich seine Aufgaben verändert - weg vom operativen Geschäft hin zu Verwaltungsaufgaben. Für ihn bedeutete das: die Arbeit war plötzlich machtgesteuert. Deshalb ist Leo Martin ausgestiegen.

"Auf einmal bist du nicht mehr Operateur, Kriminalist, Nachrichtendienstler. Arbeitest nicht mehr am Fall. Auf einmal bist du der Verwaltungshengst, der du nie werden wolltest."
Leo Martin über sein Karriereende beim Verfassungsschutz