Es gibt kaum ein Podcast-Genre, das so beliebt ist wie True-Crime. Doch was da erzählt wird, ist nicht ganz unproblematisch. Das liegt vor allem an den Kategorien, nach denen die Kriminalfälle und Opfergeschichten ausgesucht werden, meint Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Rebekka Endler.

Eine junge, hübsche Frau verschwindet – so oder so ähnlich beginnen viele der Kriminalfälle, die in True-Crime-Podcasts besprochen werden. Möglich, dass es deshalb vor allem Frauen sind, die True-Crime-Podcasts hören. Bei einigen Formaten machen sie bis 90 Prozent der Hörer*innenschaft aus.

"Laut Kriminalstatistik sind die meisten Mord- und Totschlagopfer männlich – und nicht weiß, jung und weiblich, wie in den meisten True-Crime-Formaten."
Rebekka Endler, Deutschlandfunk Nova

Susanne Kaiser ist Autorin des Buches “Politische Männlichkeit” und beschäftigt sich mit Frauenhass und dem Ende des Patriarchats. Sie sagt: Die Auswahl der Fälle, die als True Crime umgesetzt werden, sagt einiges über unsere Gesellschaft aus. Das Narrativ sei stets: Opfer sind in der Regel weiblich und sie sind in Gefahr, sobald sie alleine aus dem Haus gehen. Doch das entspricht nicht der Realität.

Die Realität sieht anders aus

Tatsächlich sind die meisten Opfer von Kriminalverbrechen männlich. Der gefährlichste Ort für Frauen ist hingegen nicht der dunkle Park, sondern das eigene Zuhause mit Partner*innen oder Ex-Partner*innen. Doch die repräsentierten Bedrohungsszenarien in True-Crime-Formaten erwecken einen völlig anderen Eindruck.

Das liegt vor allem am Spannungsbogen, der kreiert werden soll. Der funktioniert am besten, wenn Ur-Ängste getriggert werden, es also um Fälle geht, mit bösem, unbekanntem Täter, der nachts im Park lauert oder dem gewieften Serienkiller. Sie sollen unseren Voyeurismus befriedigen und senden gleichzeitig die Botschaft: Du, oder ich, eine mehr oder weniger junge Frau, die auch nachts noch draußen ist, könnten das nächste Opfer sein.

"Indem wir in True-Crime nach Hinweisen suchen, wie wir nicht zu Opfern werden, geben wir – wenn auch oft unbewusst – dem Opfer eine Mitschuld."
Rebekka Endler, Deutschlandfunk Nova

Eine Studie hat untersucht, warum es gerade junge Frauen sind, die True-Crime so reizvoll finden. Eines der identifizierten Motive ist, dass sie sich informieren wollen, wie sie nicht selbst zu Opfern werden.

"Das ist ein interessanter Punkt und auch ganz schön paradox", sagt Susanne Kaiser. Denn die erzählten Geschichten spiegeln ja nicht die Realität wieder, sie sind Fiktion. Wenn True-Crime Fälle aufgreift, die in der Realität extrem selten sind und junge Frauen sich so über Bedrohungsszenarien informieren wollen, sei das wie eine sich selbst reproduzierende Schleife.

Victim Blaming wird so internalisiert

Und es gebe ein weiteres Problem dabei: Wenn junge Frauen in den True-Crime-Formaten nach Tipps suchen, nicht in eine solche Situation zu geraten, dann geben sie dabei unbewusst den Opfern eine Mitschuld: Hätte sie sich anders gekleidet, wäre sie nicht so spät aus dem Haus gegangen, hätte nicht mit einem fremden Mann getanzt, wäre sie nicht zum Kriminalopfer geworden.

"Fälle, deren Opfer nicht den gewünschten Kriterien entsprechen, werden in True Crime deutlich weniger berücksichtigt, etwa männliche Opfer, Senior*innen, Women of Color oder trans Frauen."
Rebekka Endler, Deutschlandfunk Nova

True-Crime-Formate vermitteln also oft einen falschen Eindruck davon, welche Kriminalverbrechen tatsächlich am häufigsten vorkommen. Die Fälle, die in der Realität am häufigsten vorkommen, bleiben oft unberücksichtigt – also etwa Verbrechen an Senior*innen, trans Frauen, Women of Color oder männlichen Opfern.

Rebekka Endler erkennt aber in True-Crime-Formaten auch ein Potenzial: Sie könnten genutzt werden, andere Geschichten zu erzählen – und zwar solche, die das Patriarchat infrage stellen, anstatt es zu festigen. Und es gibt Beispiele von neueren Podcasts, die andere Wege gehen: "Vergessen: Die Frauenmorde von Juárez" oder "Wer hat Burak erschossen?" sind Beispiele dafür.