Schämen - wofür? Für gar nichts, findet die Journalistin Gunda Windmüller und sagt, dass endlich bei einem Begriff aufgeräumt werden sollte. Weg mit dem Wort Schamlippen, dafür könne man ganz einfach Vulvalippen sagen.

Um die zweihundert Jahre alt ist der Begriff "Schamlippen". Er beschreibt die Hautfalten der äußeren weiblichen Geschlechtsorgane. Rein medizinisch spricht man bei den kleinen und großen Schamlippen von Labien: Labia majora und Labia minora. Viel weiter verbreitet ist aber die Bezeichnung Schamlippen und damit auch die Konnotation "Scham und Schämen."

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Ein Begriff, der nicht in unsere Zeit passt, sagt die Journalistin Gunda Windmüller. Die Redakteurin des Online-Magazins Watson plädiert dafür, dass wir den Begriff ändern und damit auch eine falsche und veraltete Vorstellung von weiblicher Sexualität ablegen. Diese hat immer noch den Überzug des Anstößigen, als sei dies etwas, das es zu verstecken gilt.

"Es ist nicht nur ein Wort. Es hat quasi einen ganzen Rucksack an Problemen dabei: Die weiblichen Geschlechtsteile, die weibliche Sexualität und Lust wurde seit Jahrhunderten eingeengt, diszipliniert und verdrängt."
Gunda Windmüller, Journalistin

Auf das Wortproblem aufmerksam geworden ist die Journalistin durch eine Recherche zum Thema, wie Frauen über Sexualität und Körper sprechen. Schon da merkte sie, irgendwie bleibt die Sache undifferenziert. Viele sagen quasi zu allem Vagina - statt Vulva, Vagina, Klitoris, Gebärmutter und eben Schamlippen. Darauf schrieb sie ein Plädoyer für einen neuen Begriff, der quasi nebenbei auch die Begriffe Vagina und Vulva zuordnet.

"Mir war wichtig, ein Wort zu finden, das möglichst neutral ist: Anatomisch gesehen sind es Lippen und es sind die Lippen der Vulva. Das Wort hat auch den Vorteil, dass es noch mal klar macht, was und wo die Vulva ist. Und so ist sofort klar: Vulva ist der vordere Teil."
Gunda Windmüller, Journalistin

Dass Gunda sich nicht zuerst auf die Begriffe Schamhaare oder Schambereich, die auch geschlechtsübergreifend verwendet werden, konzentriert hat, liegt daran, dass es dafür - auch im Duden - Alternativen gibt. Wir sprechen etwa von Intim- oder Genitalbereich oder allgemein von Intimbehaarung. Bei den Schamlippen sei das anders, sagt die Journalistin. Hier sei der Bezug zur Sexualität immanent.

Collage: Gunda Windmüller, Schamlippenzeichen, Objekt Schamlippe
© Collage | Gunda Windmüller | Jan Kleinert | Unsplash
Gunda Windmüller

Für sie geht es auch darum, einer veränderten Gesellschaft Rechnung zu tragen. Sprache verändert sich - immer danach, wie sich auch die Gesellschaft verändert. Wir reden heute nicht mehr von Frollein für alleinstehende Frauen. Diesen Sprachwandel selbst voranzutreiben, ist allerdings nicht ganz so einfach. Damit ein neuer Begriff es tatsächlich in den Duden schafft, muss der Sprachwandel auch nachgewiesen werden: Wie verbreitet ist er? Wie sehr bundesweit gestreut? Und wie ausdauernd hält sich der Begriff? Ein weiteres Kriterium ist außerdem, ob der Begriff auch in der Schriftsprache verwendet wird, etwa in Publikationen.

Mitmachen, damit sich was ändert

Ihr Plädoyer für die Vulvalippen soll nachhaltig sein, auch damit der Begriff dudenreif wird. Ihr Artikel und Aufrufe bei Instagram und Twitter unter dem Hashtag #vulvalippen sind da erst der Anfang. Eine Überlegung, wie ihre Aktion für die Vulvalippen weitergehen könnte: Eine Petition dafür, dass das Wort auch in Publikationen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung oder Informationen von Gynäkologen, Sexualtherapeuten, Verlagen oder Frauenzeitschriften, Einzug hält. Handlungsbedarf gebe es nämlich tatsächlich. "Es ist nach wie vor ein großes Tabu". Immer noch hätten viele Frauen Probleme über ihr Geschlechtsorgan zu sprechen, die richtigen Worte zu finden.

"Das eigene Geschlechtsteil ist für viele Frauen immer noch ein Tabu."
Gunda Windmüller, Journalistin

Gunda sagt auch, ihr sei klar, dass ein Wort nicht von jetzt auf gleich die Sicht auf weibliche Sexualität verändert. Ihr erstes Plädoyer habe aber gezeigt, dass darüber gesprochen wird. Es löst Debatten aus und zieht auch angrenzende Themenbereiche von Anatomie bis zur weiblichen sexuellen Selbstbestimmung mit ein. "Es ist ein wichtiger Baustein dafür, wie wir unsere eigene Sexualität und unseren Körper wahrnehmen. Sprache schafft nun einmal Wirklichkeit."