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1054 legen Gesandte des Papstes eine Bannschrift auf den Altar der Hagia Sophia. Der Patriarch schlägt zurück. Doch die Kirchenspaltung ist komplizierter: Warum Rom und Konstantinopel stritten – und ein Kreuzzug 150 Jahre später den Bruch vertiefte.

Am 16. Juli 1054 kommt es in der Hagia Sophia in Konstantinopel zum Eklat: Päpstliche Gesandte legen eine Bannschrift gegen Patriarch Michael Kerullarios und weitere Personen auf den Altar. Wenige Tage später verurteilen der Patriarch und eine Synode die Gesandten. Die Ereignisse gelten als Höhepunkt eines jahrhundertelangen Streits zwischen Ost- und Westkirche.

Doch die Trennung der Christenheit geschah nicht an einem einzigen Tag. Schon nach dem Tod Kaiser Theodosius' I. im Jahr 395 entwickelten sich die westliche und die östliche Hälfte des Römischen Reiches zunehmend auseinander. Im Westen dominierte Latein, im Osten Griechisch. Sprachliche und kulturelle Unterschiede erschwerten die Verständigung zwischen beiden Seiten.

Wer hat in der Christenheit das Sagen?

Hinter dem Konflikt steckten vor allem theologische und kirchenpolitische Machtfragen, erklärt Deutschlandfunk-Nova-Geschichtsexperte Dr. Matthias von Hellfeld. Rom beanspruchte für den Papst die Führung der gesamten Christenheit. Die Kirche in Konstantinopel wollte ihm dagegen lediglich einen Ehrenvorrang zugestehen.

"In Rom war man der Auffassung, dass dem Papst die alleinige Führung der gesamten Christenheit zusteht."
Dr. Matthias von Hellfeld, Deutschlandfunk-Nova-Geschichtsexperte

Daneben stritten die Kirchen über religiöse Rituale: Im Westen wurde beim Abendmahl ungesäuertes Brot verwendet, im Osten gesäuertes. Auch die sogenannte Filioque-Formel sorgte für Konflikte: Sie besagt, dass der Heilige Geist aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht. Die östliche Kirche lehnte diese Ergänzung des Glaubensbekenntnisses ab.

Entscheidend war aber auch, wer innerhalb der Christenheit verbindliche Entscheidungen treffen durfte: der Papst allein oder die Bischöfe gemeinsam auf Synoden. Der Kölner Kirchenhistoriker Georg Gresser sieht darin eine zentrale Machtfrage, die den Konflikt verschärfte.

"Es geht um die Frage: Gibt es ein Oberhaupt in der Kirche oder mehrere?"
Georg Gresser, Kirchenhistoriker

Die Spannungen verschärften sich durch politische Auseinandersetzungen in Süditalien. Dort gewannen die Normannen zunehmend an Einfluss. Papst Leo IX. suchte deshalb die Zusammenarbeit mit dem byzantinischen Kaiser. Gleichzeitig eskalierte sein Streit mit Patriarch Michael Kerullarios.

Der Eklat in der Hagia Sophia

Als die päpstlichen Gesandten am 16. Juli 1054 die Bannschrift auf den Altar der Hagia Sophia legen, ist Leo IX. bereits seit fast drei Monaten tot. Der Eklat wird später zum Sinnbild der zunehmenden Entfremdung zwischen lateinischer und griechischer Christenheit.

Hagia Sophia
© picture alliance / robertharding | Richard Maschmeyer
Früher Kirche, heute Moschee: Die Hagia Sophia in Istanbul war 1054 Schauplatz eines spannenden Showdowns.
"Der Eklat von 1054 wird zum Symbol einer jahrhundertelangen Entfremdung zwischen Ost und West."
Nadine Kreuzahler, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Eine unmittelbare Spaltung aller Christen bedeuteten die gegenseitigen Verurteilungen allerdings nicht. Sie richteten sich gegen bestimmte Personen, nicht gegen die gesamten Kirchen. Auch danach blieben Kontakte zwischen Ost und West bestehen. Der Historiker Axel Bayer betont, dass sich für die meisten Gläubigen zunächst wenig änderte.

"Die religiösen Wechselbeziehungen zwischen der lateinischen und der griechischen Christenheit gingen nahezu unvermindert weiter."
Axel Bayer, Historiker und Leiter des Wülfrather Stadtarchivs

Ein entscheidender Einschnitt folgte erst 150 Jahre später. Während des Vierten Kreuzzugs eroberten und plünderten westliche Kreuzfahrer 1204 Konstantinopel. Kirchen wurden ausgeraubt, Menschen getötet und die politische Ordnung des Byzantinischen Reiches zerstört.

Kreuzzug vertieft die Spaltung

Damit wurde aus dem jahrhundertelangen Streit eine Feindschaft, die auch für die einfache Bevölkerung unmittelbar spürbar war. Die Kölner Theologin und Kirchenhistorikerin Gisa Bauer sieht in der Eroberung Konstantinopels einen entscheidenden Schritt zur endgültigen Trennung zwischen Ost- und Westkirche.

"Und das ist auch die ganz große Tragödie an dieser Sache gewesen, dass hier Christen gegen Christen zu Felde gezogen sind."
Gisa Bauer, Theologin und Kirchenhistorikerin

Die Trennung zwischen der römisch-katholischen und den orthodoxen Kirchen besteht bis heute. Allerdings gab es Schritte zur Versöhnung: 1965 strichen Papst Paul VI. und Patriarch Athenagoras I. die Bannurteile von 1054 aus dem kirchlichen Gedächtnis.

Die volle Kirchengemeinschaft wurde dadurch jedoch nicht wiederhergestellt.

Kontakt

E-Mail: history@deutschlandfunknova.de

Shownotes
1054
Morgenländisches Schisma spaltet Kirche in Ost und West
vom 30. Oktober 2026
Moderator: 
Markus Dichmann
Beitragsautorin: 
Nadine Kreuzahler, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin
Gesprächspartner: 
Dr. Axel Bayer, Leiter des Wülfrather Stadtarchivs
Gesprächspartner: 
Georg Gresser, Kölner Theologe und Historiker
Gesprächspartnerin: 
Prof. Dr. Gisa Bauer, Professorin für Evangelische Theologie und Historische Theologie an der Universität zu Köln
Redakteure: 
Matthias von Hellfeld, Grit Eggerichs
  • Nadine Kreuzahler: Showdown in der Hagia Sophia
  • Axel Bayer: 1054 – Schisma oder nur Eklat?
  • Georg Gresser: Der Papst und sein Machtanspruch
  • Gisa Bauer: Kreuzzug gegen Konstantinopel