Wer waren die Opfer vom 11. September? Seit 20 Jahren arbeiten Rechtsmediziner*innen daran, die mehr als 2.700 Toten des Terroranschlags zu identifizieren. Mithilfe von DNA-Analyseverfahren untersuchen sie Überreste aus rund 22.000 Einzelproben.

Die Bilder von den zwei Flugzeugen, die am 11. September 2001 in die beiden Türme des World Trade Centers steuerten und sie zerfallen ließen, sind wahrscheinlich den meisten Menschen in den vergangenen 20 Jahren im Kopf geblieben.

2.753 Menschen sind bei den Flugzeuganschlägen in New York ums Leben gekommen: Es sind die Passagiere, die Besatzungsmitglieder, die Menschen im World Trade Center und in der direkten Umgebung, 411 Helfende und auch die zehn Entführer der beiden Flugzeuge.

22.000 Einzelproben identifizieren

Die Namen der Opfer des Terroranschlags sollen nicht vergessen werden. Deswegen läuft seit 20 Jahren das größte Rechtsmedizinprojekt der USA. Die sterblichen Überreste – rund 22.000 Einzelproben – sollen die Toten von 9/11 identifizieren. Ziel ist es, eindeutig zu beweisen, dass sie durch den Terroranschlag gestorben sind. Dafür analysieren Rechtsmedizinerinnen und Rechtsmediziner seit 20 Jahren in einem Labor etwa neun Kilometer entfernt von Ground Zero alle Überreste, die in den Schuttbergen gefunden wurden.

Mehr als 1.640 Tote haben sie bislang identifiziert. Zuletzt waren es Dorothy Morgan, die im 94. Stock des Nordturms für eine Versicherung gearbeitet hatte, und ein Mann, dessen Name auf Wunsch seiner Familie nicht veröffentlicht wird. Sie sind die Opfer 1646 und 1647.

Das Versprechen aufzuklären

Die beiden Opfer sollen nicht die Letzten sein. Die Rechtsmedizinerinnen und Rechtsmediziner möchten so viele Opfer wie möglich identifizieren – egal wie lange es dauert, egal was es kostet. Das habe Laborleiter Mark Desire schon am ersten Tag der Aufarbeitung versprochen, erzählte er unserem Reporter Michael Stang bei einem Laborbesuch vor sieben Jahren. Und auch heute noch betont der Laborleiter sein Versprechen.

"Der Leiter des Labors, Mark Desire, sagte mir, dass sie an Tag eins ein Versprechen gegeben hätten, so viele Opfer wie möglich zu identifizieren."
Michael Stang, Deutschlandfunk Nova

Größte DNA-Datenbank ihrer Art

Die Identifizierung der Toten ist allerdings schwer. Das biologische Material – meistens Knochen – war großer Hitze ausgesetzt, ist zerbrochen oder auch durch Kerosin oder Löschwasser verunreinigt. Anfangs haben den Rechtsmedizinerinnen und Rechtsmedizinern Finger- und Zahnabdrücke, Röntgenaufnahmen oder auch persönliche Merkmale wie Ringe und Tätowierungen bei ihrer Analyse geholfen.

Dafür haben sie 17.000 Referenzproben gesammelt, wie Zahnbürsten, Rasierer und Speichelproben, um die Proben der DNA der Toten zuzuweisen. Laut Mark Desire sei die Datenbank des World-Trade-Center-Projekts die größte DNA-Datenbank ihrer Art.

Die Grenzen der Genetik neu ausloten

Viele Proben erhalten nur noch kleine Teile des Erbguts. Das Labor in New York City hat deshalb in den vergangenen zwei Jahrzehnten alte Methoden der DNA-Analyse verbessert und neue entwickelt. Sie sind auch über die Stadtgrenzen hinaus in etlichen rechtsmedizinischen Labors der USA zum neuen Standard geworden.

Trotzdem ist bei knapp 8000 Proben weiter unklar, wessen DNA sie tragen. Sie lagern erst einmal im Museum des 11. September in New York City. Den Forschenden dient das Museum gleichzeitig als Archiv – auch in der Hoffnung, die unidentifizierten Proben in Zukunft mit neuen Analyseverfahren zu entschlüsseln.

Denn wie lange das aktuelle Projekt noch läuft, ist sicherlich auch eine politische Entscheidung, sagt Deutschlandfunk-Nova-Reporter Michael Stang. Klar sei aber schon heute: Ein Großteil der Opfer wird nie identifiziert werden können.

"Als ich 2014 im Labor vor Ort war, lag die Zahl der identifizierten Toten bei 1635 – heute, sieben Jahre später, sind 13 dazu gekommen. Ein Großteil der Opfer wird nie identifiziert werden können."
Michael Stang, Deutschlandfunk Nova