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Ein Gast kommt, dann geht er wieder. Das war die Idee hinter dem Begriff der sogenannten Gastarbeiter: Menschen aus dem Ausland kommen nach Deutschland, erledigen hier einfache, anstrengende Tätigkeiten und dann gehen sie wieder. Erstaunlicherweise war die Alltags- und Arbeitsgeschichte von türkischen Arbeitsmigranten und -migrantinnen in West-Berlin in weiten Teilen noch nicht erforscht, stellte der Historiker Stefan Zeppenfeld fest – und machte sich an die Arbeit.

Am 30. Oktober 1961 schließen die Türkei und die Bundesrepublik das sogenannte Anwerbeabkommen. Vorher waren schon ähnliche Vereinbarungen mit Italien, Spanien und Griechenland getroffen worden.

Die aus der Türkei stammenden Arbeitskräfte werden vor allem in der industriellen Produktion beschäftigt, in West-Berlin zählten Siemens oder AEG-Telefunken zu ihren größten Arbeitgebern.

"Jetzt ist Mittag. / Bei Siemens machen sie Pause. / Osman wartet noch auf dem Arbeitsamt / zwischen Papieren, Stempeln und Unterschriften / auf die Belebung der Konjunktur."
Aras Ören, Schriftsteller

Von den Unternehmen wurden türkische Arbeitskräfte lange Zeit als "Konjunkturpuffer" betrachtet, sagt der Historiker Stefan Zeppenfeld. Interessanterweise verfestigte sich in der Öffentlichkeit vor allem das Bild des "türkischen Müllmanns", auch wenn viel mehr Türkeistämmige in der Industrie als in der Entsorgung arbeiteten.

"Das Zeit-Magazin fragte: 'Wie deutsch macht eine Uniform?'"
Stefan Zeppenfeld, Historiker

Stefan Zeppenfeld zeichnet nach, wie aus der Türkei stammende Lehrerinnen und Lehrer in den Schuldienst kamen und auch, wie sie sich Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre ihre Wege in den Polizeidienst bahnten - teils unter vehementer Kritik der Gewerkschaften und mit großem Medienecho.

Blick auf ein Geschäft in "Klein-Istanbul", dem Bezirk Kreuzberg, am 18.04.1977.
© picture alliance / dpa | Chris Hoffmann
Ein türkisches Geschäft in Berlin Kreuzberg, dem sogenannten "Klein-Istanbul", am 18.04.1977. Der Bezirk wurde für den Zuzug weiterer "Gastarbeiter" gesperrt.

Und der Historiker birgt einen Schatz in den Archiven: Um selbständige Gewerbe, wie etwa einen Gemüsehandel oder ein Übersetzungsbüro anzumelden, muss eine Gewerbe-Anmeldung hinterlegt werden. Mithilfe dieser An- und Abmeldungen rekonstruiert Stefan Zeppenfeld, wie dynamisch und vielfältig das Berufsbild "Selbstständigkeit" bei türkeistämmigen Menschen in West-Berlin war.

"Boomte die Wirtschaft, stellten die Betriebe Gastarbeiter vor allem für einfache Tätigkeiten ein. Kriselte die Wirtschaft, waren Gastarbeiter die ersten, die den Betrieb verließen."
Stefan Zeppenfeld, Historiker

Auf sein Thema gestoßen ist er, als er sich für seine Masterarbeit zum Thema Hausbesetzungen in Berlin-Kreuzberg mal rasch in die migrantische Alltagsgeschichte West-Berlins einlesen wollte. Und feststellte: Huch, da gibt es ja kaum was! Also fing er an, dazu zu forschen.

Stefan Zeppenfeld hat 2020 am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam promoviert. Für seine Dissertation mit dem Titel "Vom Gast zum Gastwirt? Die Geschichte türkischer Arbeitswelten" wurde er mit dem Wissenschaftspreis 2020 des Vereins für die Geschichte Berlins ausgezeichnet. Ende August 2021 erscheint sie in Buchform.

Seinen Vortrag zur Geschichte türkischer Arbeitswelten in West-Berlin hat er extra für den Hörsaal konzipiert und am 18. August 2021 aufgezeichnet.

Bildhinweis: Das Artikelbild zeigt von Links nach rechts: Ankunft türkischer "Gastarbeiter" in Düsseldorf 1961, türkische Arbeiter im BMW-Motorradwerk in West-Berlin Ende der 70er Jahre sowie eine türkischstämmige Familie beim Spaziergang an der Berliner Mauer 1981.