Das Interesse am 9-Euro-Ticket ist enorm. Noch im Juli und August gilt die vergünstigte Fahrkarte. Sie ist Teil des Entlastungpakets, das die Bundesregierung beschlossen hat. Angesichts überfüllter Züge stellt sich die Frage, ob aus Autofahrer*innen jetzt Bahnfahrende werden.

Das Auto öfters mal stehen lassen und Bahn fahren, um Sprit zu sparen: Wenn man aktuell an übervollen Bahnsteigen wartet und nur selten einen freien Platz ergattert, könnte man denken, dass der Plan aus der Politik aufgeht.

Das Interesse am 9-Euro-Ticket ist groß – wenn man auf die Verkaufszahlen, sagt Deutschlandfunk-Nova-Reporter Sebastian Sonntag.

"In den ersten drei Wochen nach Verkaufsstart wurden schon 16 Millionen 9-Euro-Monatskarten verkauft."
Sebastian Sonntag, Deutschlandfunk-Nova-Reporter

Zu den Neueinsteiger*innen kommen noch mal rund 10 Millionen Menschen, die ohnehin ein Abo für Bus und Bahn haben. Das bedeutet, dass mehr als ein Viertel der Bevölkerung gerade an dem Experiment zur Verkehrswende teilnimmt, rechnet unser Reporter vor.

Von einem Experiment spricht jedenfalls der Verkehrsminister Volker Wissing (FDP). Er möchte herausfinden, wie viele Deutsche das Auto tatsächlich stehen lassen, wenn der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) günstiger wäre.

Tatsächlich sind Regionalbahnen gerade ziemlich überlastet – zumindest an Wochenenden. Ein dementsprechend positives Zwischenfazit zieht Wissing: Mit der Maßnahme liege die Regierung genau richtig, wenn es einen richtigen Ansturm gibt.

These: Menschen nutzen das Ticket eher für Ausflüge

Zeit Online hat zum Beispiel herausgefunden, dass die Zahl der Menschen, die täglich den Zug nehmen, um 50 Prozent gestiegen ist durch das 9-Euro-Ticket. Die Redaktion hat dazu Mobilitätsdaten ausgewertet. Daraus kann man unter anderem ablesen, wie viele Menschen unterwegs gewesen sind.

Über Parameter wie Geschwindigkeit und Distanz lässt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit herausfinden, mit welchem Verkehrsmittel sie unterwegs waren. "Allerdings geht es da ausschließlich um Zugfahrten, die 30 Kilometer oder länger waren", sagt Reporter Sebastian Sonntag. Demnach konnten die klassischen Pendlerstrecken auf diese Weise nicht berücksichtigt werden.

"Offensichtlich schafft es das 9-Euro-Ticket, dass Menschen, die sich viele Ausflüge vermutlich sonst nicht leisten können, nun am Wochenende unterwegs sind. Es sorgt also für mehr Gerechtigkeit. Das ist eine gute Sache."
Sebastian Sonntag, Deutschlandfunk-Nova-Reporter

Um mehr über die Nutzung des 9-Euro-Tickets im Pendlerverkehr zu erfahren, könnten wiederum Daten des Unternehmens Motiontag helfen. Per App zeichnet das Unternehmen das Mobilitätsverhalten von mehr als 7000 Menschen auf. So erhält man einen ziemlich genauen Überblick, wie der ÖPNV genutzt wird.

"Allerdings ist das Ganze nicht repräsentativ", sagt Reporter Sebastian Sonntag. Hier sieht man im Nahverkehr – also auf kürzeren Strecken mit Bus, Straßenbahn, S- oder U-Bahn – keinen wirklichen Anstieg durch das 9-Euro-Ticket. Sebastian meint, dass man so die These stützen könnte, dass die Menschen das Ticket vor allem für Ausflüge nutzen.

Das bestätigen auch Daten des Unternehmens TomTom, die Zeit Online analysiert hat. Demnach ist das Stauniveau in Berlin seit Einführung der günstigeren Fahrkarte nicht nachhaltig zurückgegangen.

Volle Züge und Verspätungen könnten abschreckend wirken

Allerdings vermutet Sebastian Sonntag, dass Menschen, die nicht so genau auf Geld schauen müssen, vermutlich eher abgeschreckt sind von den vollen Zügen und deswegen lieber das Auto nehmen. Und damit würde das passieren, was unter anderem Verkehrsminister Winfried Hermann (Bündnis 90/Die Grünen) aus Baden-Württemberg gefürchtet hat.

Laut Hermann könnten manche Menschen von vollen Zügen und Fahrplanchaos so abgeschreckt sein, dass sie sagen: "Ich möchte nie wieder mit einem Zug fahren. Das Vorgehen der Ampel-Koalition wäre in dem Fall dann eher eine Abschreckungsaktion.

Und dann könnte eintreten, was Verkehrsfachleute schon vor der Einführung des 9 Euro Tickets gesagt haben: ein günstiger Preis alleine reicht nicht, wenn das Angebot nicht stimmt. Der Ausbau des ÖPNV ist also mindestens genauso wichtig wie sein Preis.