Das Neun-Euro-Ticket steht für vieles. Für manche Menschen etwa für die Chance, überhaupt regelmäßig mit Bus und Bahn zu fahren. Heike und Georg berichten von einer Zeit, die sich für sie wie Urlaub angefühlt hat – ein Luxus, den sie sonst kaum haben.

Neuneinhalb Stunden Zugfahrt und drei Mal umsteigen nimmt Heike Towae gerne in Kauf, damit sie an der Nordsee vier Tage campen kann. Sie war noch nie an der Nordsee. Und am Meer das letzte Mal vor fünfzehn Jahren.

Heike sehnt sich nach einer Zeit am Meer, und mit dem Neun-Euro-Ticket kommt sie endlich dorthin. Ihre Freude ist groß. Die lange Fahrtzeit und das viele Umsteigen sieht sie entspannt.

"Mir war direkt klar, was ich mit dem 9-Euro-Ticket alles machen könnte. Es ist nicht so, als hätte ich keine Ideen – mir fehlt es am Geld."
Heike Towae

9-Euro-Ticket als Luxus

Die Reise an die Nordsee ist für Heike ein Luxus. Ohne das Sonderticket könnte sie sich die Fahrt dorthin kaum leisten. Die gelernte Köchin und Sozialarbeiterin ist an Epilepsie erkrankt und kann deswegen seit acht Jahren nicht mehr arbeiten.

Seitdem hat sie jeden Monat 449 Euro zum Leben. Weil ihre Rente nicht ausreicht, musste sie auf den Hartz-IV-Satz aufstocken. "Je nachdem was anliegt, schaue ich, dass ich mich mit drei Euro am Tag durchschlage", sagt sie. Mit dem anderen Teil von ihrem Geld deckt sie die Kosten für ihr Haustier ab, einen Kater.

Soziale und politische Teilhabe

Dafür verzichtet sie zum Beispiel auf andere Sachen wie das Sozialticket, das 40 Euro kostet. In Köln, wo Heike wohnt, fährt sie überall mit dem Fahrrad hin. Mit dem Neun-Euro-Ticket konnte sie ihre gewohnte Umgebung verlassen und Ausflüge in die Eifel, ins Neandertal oder ins Kölner Umland machen. So konnte sie auch an einer Demonstration gegen den Braunkohleabbau im rheinischen Revier teilnehmen.

Ohne Sonderticket "wie eingesperrt sein"

Heike ist traurig, dass das Sonderticket jetzt ausläuft. So wie Georg Hewald. Für ihn haben sich die vergangenen drei Monate wegen des Tickets ein wenig wie Urlaub angefühlt, sagt er.

Auch Georg ist damit weite Strecken gefahren. Einmal ist er aus Wipperfürth vierzehn Stunden nach Dresden gefahren. "Dann kennen Sie jeden Bahnhof, der hier angefahren wird", erzählt er. Zurück hat er eine Strecke über Berlin genommen, die drei Stunden kürzer war. Weil er sich in Berlin keine Unterkunft leisten konnte, ist er nachts in der Berliner Ringbahn durch die Stadt gefahren.

Georg ist 65 Jahre alt und gelernter Großhandelskaufmann und Straßenbauer. Seit über zehn Jahren ist er arbeitslos und bezieht Hartz IV. Zu Hause fährt er mit dem Sozialticket für knapp 40 Euro durch die Stadt. Durch das 9-Euro-Ticket konnte er jeden Monat dreißig Euro sparen und durch ganz Deutschland damit fahren. Die langen Strecken haben ihm kaum etwas ausgemacht, sagt er. Er hatte es eher als Möglichkeit gesehen, mehr zu entdecken.

Für Heike und Georg war das Sonderticket eine Chance, mehr am Leben teilzunehmen. Heike fühlt sich, als ob sie ab September wieder eingesperrt wäre. Sie fordert ein sozialverträgliches Ticket für Bus und Bahn.