Mit einer protzigen Militärparade begeht Russland traditionell am 9. Mai den "Tag des Sieges" über den deutschen Faschismus. Putin könnte das Datum dieses Mal für einen Strategiewechsel im Ukraine-Krieg nutzen, glauben Beobachter*innen. Manche befürchten gar eine große Mobilmachung.

Der 9. Mai ist in Russland ein wichtiger Gedenktag: Es wird der "Tag des Sieges" über Nazi-Deutschland gefeiert - in Moskau traditionell mit einer pompösen Militärparade. Schon in der Vergangenheit wurde dieser Anlass immer wieder instrumentalisiert für eine immer stärkere Militarisierung, sagt unser ehemaliger langjähriger Russlandkorrespondent Thielko Grieß.

Im Kontext des russischen Angriffs auf die Ukraine bekommt der Gedenktag deshalb nun eine besondere Bedeutung: Einige Expert*innen befürchten, dass Putin den Anlass nutzen könnte für eine große Mobilmachung.

Besondere Bedeutung hat Putins Rede auf dem Roten Platz

Auch Thielko Grieß glaubt, dass das Wichtigste an diesem Tag die traditionelle Rede Wladimir Putins auf dem Roten Platz sein wird. In diesem Zusammenhang werde über mehrere Szenarien spekuliert, erklärt er. Ein mögliches Szenario: Putin könnte das Ende der sogenannten "Spezialoperation" ausrufen und der Ukraine offiziell den Krieg erklären, was dann eine Mobilmachung und eine noch totalitärere Führung zur Folge hätte.

"Wladimir Putin hat in seiner langen Präsidentschaft immer eines gemacht: Er hat immer alle überrascht. Und wahrscheinlich wird das auch am Montag so sein."
Thielko Grieß, ehemaliger DLF-Russlandkorrespondent

Allerdings betont der Ex-Korrespondent auch, dass Putin schon immer
unberechenbar war. Man könne eben noch nicht wissen, was passieren wird.

Die Erzählung vom Kampf gegen die Nazis

Ganz sicher aber werde an diesem Tag erneut die in Russland durch Propaganda verbreitete Erzählung bemüht, dass das Land wieder als einsamen Kämpfer gegen den Nationalsozialismus darstelle - wobei der Nationalsozialismus diesmal laut Putins Erklärungen in der Ukraine verortet wird.

"Es gibt eine Erzählung, die über die Propaganda-Medien in Russland eingehämmert wird. Und in diesem Narrativ wird der Krieg, die "Spezialoperation" in der Ukraine, dargestellt als eine Fortsetzung des zweiten Weltkrieges."
Thielko Grieß, ehemaliger DLF-Russlandkorrespondent

Auch in der Ukraine bereiten die Menschen sich auf den Tag vor, berichtet Thielko Grieß weiter. So gebe es bereits Warnungen in einigen Städten für den 9.Mai: Bürgerinnen und Bürger sollten nicht vor die Tür gehen und sich nicht versammeln, lese er zum Beispiel, auch Sperrstunden würden ausgeweitet. Hintergrund dafür könnte die Furcht vor weiteren Raketenangriffen sein.

"Den allermeisten Menschen in der Ukraine ist nun heute inzwischen nicht mehr danach, diesen Tag genauso zu feiern wie in Russland - eben weil man sich im Krieg befindet gegen Russland."
Thielko Grieß, ehemaliger DLF-Russlandkorrespondent

Thielko Grieß erinnert zuletzt noch mal daran, dass die Ukraine als Teil der ehemaligen Sowjetunion jahrzehntelang auch diesen Gedenktag gefeiert hat, da sie an diesem Sieg ja auch beteiligt war. Nach Feiern sei dort derzeit aber wohl niemandem zumute.