Adolph Knigge hat sein berühmtes Buch zwar "Über den Umgang mit Menschen" genannt, es aber für Männer geschrieben. Frauen werden darin nur als Sonderfall behandelt. Die Germanistin Lily Tonger-Erk hat dazu geforscht, was Anstand mit Geschlecht zu tun hat.

Beachtet werden, Anerkennung finden, gesellschaftlich glänzen – das wollten Menschen auch schon im 18. Jahrhundert. Freiherr Knigges Anstandslehre "Über den Umgang mit Menschen" versprach, solche Beachtung möglich zu machen.

Knigges Ausgangslage ist die folgende: "Kurz, wir werden täglich gewahr, daß die klügsten und gelehrtesten Männer unglücklich genug sind, durch den Mangel einer gewissen Gewandtheit, zurückgesetzt zu bleiben, und daß die Geistreichsten, von der Natur mit allen inneren und äußeren Vorzügen beschenkt, oft am wenigsten zu gefallen, zu glänzen verstehen."

"Es geht darum, wie man im wörtlichen wie übertragenen Sinne Ansehen gewinnt. Doch die Kunst, sich als etwas darzustellen, birgt zugleich die Gefahr des Vorwurfs der Verstellung."

Es geht um die Gewandtheit des Mannes. Das Buch würde also treffender "Über den Umgang des Mannes mit Männern" heißen. In einem Kapitel wird der Sonderfall beschrieben: Der "Umgang mit Frauenzimmern". Wenn jedes Geschlecht einen "angewiesenen Wirkungskreis" hat, ist klar, dass nicht für beide Geschlechter dieselben Regeln gelten können.

"Erstaunlicherweise betont Knigge, dass Frauen viel mehr vom 'äußeren Rufe abhängen' als der Mann."

Knigges Text hat einen wahren Boom von Anstandlehren ausgelöst – auch für ein weibliches Publikum. Einige dieser "Spielanleitungen" nimmt Lily Tonger-Erk genauer unter die Lupe. Dazu gehören die folgenden Titel.

Historische Anstandlehren

  • Johann Christian Siede: Versuch eines Leitfadens für Anstand, Solidität, Reiz, Grazie und weibliche Schönheit der aufblühenden weiblichen Jugend geweiht (1797)
  • Gottfried Immanuel Wenzel: Der Mann von Welt oder Grundsätze und Regeln des Anstandes, der Grazie, der feinen Lebensart, und der wahren Höflichkeit (1801)
  • Amalie Gräfin von Wallenburg: Anstandslehre für das weibliche Geschlecht. Oder mütterlicher Rath für meine Julie über den sittlichen und körperlichen Anstand (1824)

Als Kulturwissenschaftlerin fragt sie sich, wo und wie diese Anstandslehren in unseren heutigen Rollenbildern und Verhaltensweisen nachleben. Welche Empfehlungen haben sie für Gestik und Stimmführung?

"Wenn wir Knigge lesen, wird klar, dass die Kommunikation der Geschlechter bestimmten historisch-kulturellen Skripten folgt."

Und welchen Skripten folgen wir? Auch darauf gibt sie Antworten.

Die Germanistin und Kulturwissenschaftlerin Lily Tonger-Erk ist Akademische Rätin auf Zeit am Deutschen Seminar der Eberhard Karls Universität Tübingen. Ihren Vortrag über "Umgang mit Frauenzimmern. Anstand und Geschlecht um 1800" hat sie im Rahmen der Vorlesung Offener Hörsaal an der Freien Universität gehalten, am 4. Dezember 2019. Die Ringvorlesung hatte den Titel "Über den Umgang mit Menschen".