Wer in die Politik möchte, beginnt oft in der Jugendorganisation einer Partei. Das Problem: Solche Parteistrukturen können abschreckend wirken. Auch für Engagierte, die Ideen haben, die die Demokratie fördern könnten. Ein Start-up möchte genau diese Menschen unterstützen - und so einen alternativen Weg in die Politik ermöglichen. Ein Ansatz, der auch kritisch gesehen wird.

Sie machen auf den Klimawandel aufmerksam oder wollen ein Zeichen gegen Rassismus setzen - viele junge Menschen sind in den vergangenen Jahren auf die Straße gegangen, um für ihre Rechte oder die Dritter zu demonstrieren. Dabei wird deutlich: Politik machen, kann sehr unterschiedlich aussehen. Doch wer eine konkrete Idee umsetzen will, der oder dem fehlt oft das Geld oder die Strukturen. Das Start-up "Join Politics" will solche Menschen unterstützen.

Politisches Engagement frisst oft viel Zeit

Denn das Problem für viele Menschen, die sich politisch einsetzen wollen, ist oft: Ihr Engagement frisst sehr viel Zeit. Das hat zum Beispiel Benjamin Gehne aus Magdeburg gemerkt. Er setzt sich für eine bessere Verkehrspolitik ein - und muss für einen Bürgerentscheid Unterschriften sammeln, Menschen überzeugen und ständig präsent sein. Und das alles neben seinem normalen Job.

"Unser Bürgerentscheid ist der erste, der für etwas Progressives in der Stadt eintritt: eine lebenswerte Innenstadt, sichere Rad- und Schulwege. Ich weiß nicht, wieso das bisher nicht genutzt wurde."
Benjamin Gehne, Aktivist aus Magdeburg

Darum hat er sich mit seiner Idee einer Bürgerplattform in Magdeburg an "Join Politics" gewandt. Dort können sich Menschen mit einer politischen Idee für eine Förderung ihres Projekts bewerben.

Benjamins Projekt "Gemeinsam Handeln Magdeburg" wurde in die erste Testphase aufgenommen. Das bedeutet: Über sechs Monate bekommt er insgesamt rund 50.000 Euro. Mit diesem Geld konnte er drei Leute für das Projekt anstellen und bezahlen, aber auch den Bürgerentscheid professionell vorantreiben.

Netzwerk von Experten und politischen Akteuren

Ein weiterer Pluspunkt: Über das Start-up kommt nicht nur Unterstützung in finanzieller Form, sondern auch ein Netzwerk mit politischen Akteuren, die Benjamin um Rat fragen kann. Voraussetzung ist, dass er die regelmäßig festgelegten Ziele erreicht. Dann kann er sich für die zweite Testphase bewerben und mit weiteren 150.000 Euro gefördert werden.

"Da draußen gibt es viele junge Menschen, die politisch aktiv sind und in die Politik wollen, aber sich mit den bestehenden Strukturen teilweise sehr schwertun, insbesondere mit Parteistrukturen."
Philip Husemann, Geschäftsführer von "Join Politics"

Für Geschäftsführer Philip Husemann muss eine politische Idee vor allem die Zusammenarbeit von Bürgerinnen und Politik stärken. Das könne auch ein kleines Projekt sein.

"Join Politics" hat derzeit ein Budget von etwa 2,5 Millionen Euro. Ein Großteil davon kommt von sieben Privatpersonen - Unternehmer, Manager, Juristen. Die seien aber mit Bedacht ausgewählt, versichert das Start-up. Wichtig sei, dass sie überparteilich denken und keinen Einfluss nehmen. Es gebe eine klare Trennung von Geld und operativem Geschäft, sagt Philip Husemann.

"Es wäre vielleicht noch schöner, das Projekt würde von mehreren getragen und nicht von wenigen Einzelnen. Aber es ist auch nicht grundsätzlich verwerflich, dass es Mäzene gibt, die versuchen, die Demokratie zu unterstützen.“
Claudia Ritzi, Professorin für Politikwissenschaften an der Uni Trier

Die Politikwissenschaftlerin Claudia Ritzi hält das Projekt "Join Politics" für ambitioniert – und sie sieht Teile der Herangehensweise kritisch. Nach ihrer Meinung werde der Fokus sehr auf die Personen hinter den einzelnen Projekten gelenkt, anstatt auf die Projekte selbst.

Sie räumt aber auch ein, dass Gesichter einen höheren Wiedererkennungswert haben. Und das könnte sich positiv auf das Start-up auswirken, falls die Personen berühmt werden sollten.