Eigentlich könnten die Abiturientinnen und Abiturienten in Großbritannien froh sein – wegen der Corona-Pandemie gab es in diesem Jahr nämlich keine Abschlussprüfungen. Aber statt Freude über weniger Stress haben sie jetzt Ärger wegen schlechter Noten. Schuld daran ist ein Algorithmus.

In Großbritannien gab es wegen der Corona-Pandemie in diesem Jahr keine Abi-Prüfungen. Dennoch mussten die Schülerinnen und Schüler aber bewertet werden. Die Politik befürchtete offenbar, dass sie durch eine Art Corona-Bonus zu gut abschneiden könnten und installierte einen Algorithmus, was jedoch total nach hinten losging, so Imke Köhler, Dlf-Korrespondentin für Großbritannien.

Die Aufregung über den Algorithmus ist groß

Welche Note am Ende auf dem Abschlusszeugnis in Großbritannien stand, ging also einerseits aus der vorgeschlagenen Note der Lehrerinnen und Lehrer hervor, andererseits aber auch aus dem Algorithmus. Der berücksichtigte zum Bespiel den Durchschnitt der Abi-Noten an der jeweiligen Schule in den vergangenen drei Jahren. Auch wie viele Schülerinnen und Schüler durchgefallen sind. Für den Algorithmus entscheidend war also die Schule insgesamt, nicht die einzelnen Schüler und Schülerinnen.

Die Benotung anhand des Algorithmus führte bei vielen zum blanken Entsetzen, so Imke Köhler. Denn es wurde klar, dass dadurch 40 Prozent der Abiturienten und Abiturientinnen schlechter benotet wurden als die Lehrkräfte eigentlich vorgeschlagen hatten.

"Doch der Algorithmus führte bei 40 Prozent der Abiturienten zu schlechteren Noten."
Imke Köhler, Dlf-Korrespondentin für Großbritannien

Aber wie auch in Deutschland hängt an diesen Noten viel dran. Um in Großbritannien an eine der Spitzenuniversitäten, wie Oxford oder Cambridge zu kommen, braucht es Spitzennoten, so Imke Köhler. "Aber diese Spitzennoten standen plötzlich nicht mehr auf dem Zeugnis."

Soziale Diskriminierung durch Algorithmus

Besonders deutlich runtergerankt wurden Schülerinnen und Schüler, die gute Noten hatten, aber an einer Schule Abi machten, an der zuletzt die Durchschnittsnoten eher lausig waren. Die konnte noch so gute Noten vorgeschlagen bekommen, die Noten wurden durch den Algorithmus herabgestuft, so Imke Köhler. Ein Zeichen von sozialer Diskriminierung. "Als das klar wurde, war natürlich auch der politische Aufschrei groß."

"Es hat sich gezeigt, dass der Algorithmus vor allem sozial schwächere Schüler getroffen und abgewertet hat."
Imke Köhler, Dlf-Korrespondentin für Großbritannien

Dieser Aufschrei führte dazu, dass die Politik den Algorithmus zurücknahm. "Doch die Schüler haben durch das Chaos wichtige Zeit verloren", sagt Imke Köhler. Denn man bewirbt sich mit den vorläufigen Noten an den Universitäten, dann weist man die entsprechenden Noten nach und sobald das Zeugnis da ist bekommt man den Studienplatz.

Schlechte Noten – Studienplatz weg

Doch manche Schüler und Schülerinnen konnten durch das Hin und Her ihre endgültigen Noten nicht vorlegen. "Sie haben möglicherweise jetzt ihren Platz verloren", sagt Imke Köhler.

"Die Kehrtwende der Regierung hat nicht alle Probleme gelöst."
Imke Köhler, Dlf-Korrespondentin für Großbritannien

Deshalb sind manche weiterhin frustriert. Sie hatten eine Zusage, doch der Platz an der Uni ist mittlerweile weg.

Um das Problem zu lösen, will die Regierung, dass die Unis mehr Studierende zulassen. Aber gerade in Zeiten der Pandemie lassen sich eben nicht einfach noch mehr Personen in einen Hörsaal reinquetschen, so Imke Köhler. "Es ist unklar, wie das weitergeht."