Sie sind die Helden unserer Kindheit. Sie können alles und wissen alles. Zumindest kommt es uns so vor. Manchmal machen sie uns Angst. Doch irgendwann kippt das Verhältnis. Dann müssen wir uns kümmern - und Abschied nehmen.

Kerstins Vater war Lehrer. Ein gebildeter Mann, der gerne und viel las und auf alles eine Antwort hatte. Er war streng und gerecht. Aber vor allem war er jemand, auf den man sich immer verlassen konnte. Bis zu dem Tag an dem er im Campingurlaub ohnmächtig wird.

"Mir fiel es schwer, nachsichtig und freundlich mit ihm umzugehen"
Kerstin reagiert auf die Veränderungen bei ihrem Vater

Schon länger leidet Kerstins Vater an Bluthochdruck und Diabetes. Bereits seit einigen Jahren nimmt er Medikamente dagegen. Das zumindest denkt seine Familie. Was sie nicht weiß: einige Monate vor dem Ohnmachtsanfall hat der Vater die Medikamente eigenmächtig abgesetzt. Dann beginnen die Veränderungen.

"Als Tochter war das für mich absolut nicht nachvollziehbar, wie mein Vater so leichtfertig und nachlässig mit sich selbst umgehen konnte - ist es bis heute nicht."
Nach dem Vorfall im Urlaub ist Kerstin sauer

Der Vater wird zerstreuter, vergisst Sachen und bringt Zusammenhänge durcheinander. Statt zu lesen setzt er sich vor den Fernseher und lässt sich berieseln. Eine Veränderung, die Kerstin wütend macht und traurig. Sie versucht, ihren Vater zu unterstützen, ihn an seine Interessen zu erinnern. Sie schenkt ihm Fachliteratur über Latein oder motiviert ihn zum Fahrrad fahren. Nichts hilft.

Ein langer, schwerer Abschied

Der Zustand des Vaters verschlechtert sich. 2012 diagnostizieren die Ärzte Darmkrebs und Metastasen in der Lunge. Kerstin recherchiert, sie will wissen, wie viel Zeit ihrem Vater noch bleibt. Die einschlägigen Seiten im Netz machen ihr wenig Hoffnung. Aber die Ärzte glauben, dass ihr Vater es schaffen kann. Es folgt ein Marathon aus Operationen und Chemotherapie. Ein Jahr später stirbt der Vater.

"Im Nachhinein wünschte ich aber auch, dass ich in manchen Situationen nachsichtiger mit ihm umgegangen wäre - und ich manche Entwicklungen einfach hätte akzeptieren können, dann hätte es vielleicht weniger Streit gegeben."
Kerstin vermisst ihren Vater