Meditation, Yoga und Mindfulness liegen seit Jahren im Trend. Doch in Zeiten der Krise scheint uns die Achtsamkeit längst abhandengekommen. In dieser Ab 21 hinterfragen wir Tools, die uns zurück ins Hier und Jetzt beamen sollen.

Die Coronakrise tut der Seele weh – so viel ist klar. Bis vor Kurzem waren wir noch die von Social-Media, Jobs, Partys, Dates oder Studium Getriebenen. Jetzt haben wir plötzlich Zeit, uns mit uns selbst zu beschäftigen, und Unsicherheit macht sich breit. Anstatt uns auf Projekte zu konzentrieren, machen wir uns Sorgen darüber, ob wir am Monatsende die Miete zahlen können. Statt draußen durch die Natur zu toben, bangen wir um unsere Gesundheit.

Mit Freunden schmieden wir keine Urlaubspläne, sondern besprechen die Auswirkungen der Krise auf sämtlichen Medienkanälen. Die Pandemie zwängt uns nicht nur ins Digitale, sondern fordert uns auch zur Selbstreflexion und Achtsamkeit auf. Aber wie soll in finsteren Zeiten eigentlich ein klarer Gedanke gefasst werden?

Achtsamkeit ist ein guter Plan

Nachdem er selbst unter einem Burn-out gelitten hat, hat sich Jan Lenarz auf die Suche nach Antworten begeben. Seither bezeichnet sich Lenarz selbst als Autor und Aktivist für mentale Gesundheit. Mit dem Projekt „Ein guter Plan“ hat er 2015 eine Art Bauanleitung für ein radikal-achtsames Leben entworfen: Ledereinband, seichtes Papier, winzige grüne Symbole und viel Mut zur Lücke. Ein Terminkalender, der laut eigenen Angaben auf Kitsch-Slogans und den Trend zur Selbstoptimierung verzichtet.

Der Planer soll dabei helfen, Selbstliebe zu stärken, Stress zu mindern und Selbstfürsorge zu etablieren. Also genau die Achtsamkeit zu schulen, die uns zurzeit fehlt. Das funktioniert wie in jedem anderen Organizer über Termine, organisierte Aufgaben und Ziele, die sich jemand steckt. Mit dem Unterschied, dass das Layout von „Ein guter Plan“ genügend Raum für freie Gedanken geben soll. Zum Beispiel um Vergangenes zu reflektieren oder um einfach mal "Danke" zu sagen. Über den Umgang mit Corona sagt Lenarz im Gespräch:

„Einmal zu akzeptieren, dass das eine blöde Situation für uns alle ist, find ich eigentlich ganz heilsam.“
Jan Lenarz

Gute Frage: Bin ich überhaupt nett zu mir?

Bevor man sich bei Gott und der Welt bedankt, sollte man eben auch einen Blick auf sich selbst werfen. Wie das funktioniert, erklärt Dr. Gunda Windmüller. Sie ist Autorin des Buchs "Weiblich, ledig, glücklich – sucht nicht" und hat zum Thema ebenfalls einen Aufsatz verfasst. Sie erklärt, dass wir uns durch die Krise zusätzlich mental belasten. Immerhin scheint jetzt genügend Zeit, um all die Bücher zu lesen, Telefonate zu führen und Kisten zu entrümpeln, die wir schon so lange auf unseren To-do-Listen bunkern. Aber auch das kann Druck erzeugen.

Gunda Windmüller rät, sich die Freiheit zu nehmen, auch mal nichts zu leisten oder eine ZOOM-Party abzusagen. Dasselbe gilt auch für den Raum, den man sich im Zusammenleben mit Mitbewohnerinnen oder Lebenspartnern nimmt. Denn dass Beziehungen in der Quarantäne-Zeit auf einmal aufblühen müssen, ist zwar ein schöner Gedanke – aber in der Realität kann der Partner schon ganz schön nerven, wenn man ihn ständig um sich hat. Gunda hat in der Shutdown-Zeit das Sein in der Natur für sich entdeckt und betont in Ab 21, wie wohltuend Naturerlebnisse gerade auch für die mentale Gesundheit sein können.

„Wir sehen uns selbst strenger und haben höhere Ansprüche an uns, als wir das jemals jemandem zumuten würden, den wir sehr lieb haben.“
Dr. Gunda Windmüller

Was bedeutet eigentlich Achtsamkeit?

Der Begriff und die Praxis der "Achtsamkeit" (engl. "Mindfulness") wurde in den 1970er-Jahren maßgeblich von dem US-amerikanischen Professor Jon Kabat-Zinn geprägt. In der Stress Reduction Clinic verknüpfte Kabat-Zinn in seinen Workshops diverse Aufmerksamkeitsübungen und Achtsamkeitmeditationen miteinander. Ohne Bewertung sollte der Moment im Hier und Jetzt gespürt werden. Obwohl Kabat-Zinn als einer der Vorreiter gilt, liegt der Ursprung der Achtsamkeit jedoch in der Alltagspraxis zahlreicher Philosophien und Religionen. Zum Beispiel im Buddhismus. Die Achtsamkeitspraxis hatte auch hier das Ziel, mit sich selbst geduldiger zu werden und die eigenen Gefühle zu akzeptieren. Dass Meditation im Alltag Reifeprozesse und Bewusstseinsbildung ankurbelt, ist auch wissenschaftlich belegt.