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Als Hebamme von Ärzte ohne Grenzen kann Julia Falkner vielen schwangeren Frauen auf Lesbos helfen. Im Lager selbst fühlen sich die meisten extrem schlecht versorgt, berichtet sie – es gebe noch nicht einmal Eisentabletten. Als einzige Lösung, das Leid der Geflüchteten auf der griechischen Insel zu beenden, sieht sie die Evakuierung des Lagers.

Die Bilder gingen um die Welt: das brennende Flüchtingscamp Moria auf der griechischen Insel Lesbos im September 2020. Die Situation im größten Flüchtlingslager Europas war damals schon verheerend. Nach dem Brand sah sich die Bundesregierung bereit, 1.500 Schutzbedürftige aufzunehmen. Die Letzten sind nun, sieben Monate nach dem Brand, in Deutschland angekommen.

Kleine Zelte für Familien ohne fließend Wasser

6.000 Menschen leben noch im neuen provisorisch errichteten Quarantänelager, das in unmittelbarer Nähe zum abgebrannten Camp errichtet wurde, berichtet Julia Falkner. Die Österreicherin ist Hebamme und für Ärzte ohne Grenzen vor Ort und bezeichnet die Lage als schrecklich und inhuman.

"Schrecklich und inhuman – so ist die Lage in dem Flüchtlingscamp auf Lesbos."
Julia Falkner, Hebamme für Ärzte ohne Grenzen auf Lesbos

Die Lage vor Ort sei kaum in Worte zu fassen. Oft müssten sich zwei Familien ein Zelt teilen. Dabei seien diese maximal 15 Quadratmeter groß. "Stehen kann man darin nur in der Mitte. Es gibt weder eine Heizung noch einen Wasseranschluss." Im Winter betrug die Temperatur in den Zeltern mitunter fünf Grad. Vielleicht seien die Umstände jetzt ein bisschen besser als im vorherigen Lager Moria, schlussfolgert Julia Falkner, aber immer noch seien sie unmenschlich.

Unterstützung für Schwangere und Opfer von Missbrauch

So zu leben ist für viele kaum vorstellbar, geschweige denn unter solchen Umständen Kinder zu gebären oder großzuziehen. Doch es gibt Frauen, die das müssen. Julia Falkner von Ärzte ohne Grenzen versucht ihnen beizustehen. 17 Hebammen insgesamt und eine Ärztin versorgen die Schwangeren vor Ort, sehen nach den Neugeborenen. Sie bieten aber auch Verhütungsmittel an und sind eine Anlaufstelle für Opfer von Missbrauch und Gewalt.

Staatliches Gesundheitssystem auf Lesbos überlastet

Die eigentliche Geburt findet nicht in der ambulanten Klinik von Ärzte ohne Grenzen statt, sondern in einem staatlichen Krankenhaus auf der Insel. Das sei von den Kapazitäten aber an die Anzahl der griechischen Bevölkerung ausgelegt, sagt Julia Falkner. Mit anderen Worten: Die Tausenden Migranten seien eine Belastung für das System. Dadurch knappt es an allem – an Platz, Personal, auch an Medikamenten für die Schwangeren.

"Die Menschen haben wahnsinnig schlimme Erfahrungen hinter sich. Sie brauchen Schutz und medizinische Versorgung. In diesem Lager sind sie eingesperrt."
Julia Falkner, Hebamme für Ärzte ohne Grenzen auf Lesbos

Julia Falkners Einschätzung nach seien Inseln wie Lesbos in keiner Weise darauf ausgelegt, eine Versorgung für so viele Menschen zu gewährleisten. Ganz und gar nicht hinnehmbar sei aber ein Lager, wie das auf Lesbos. Ärzte ohne Grenzen sieht daher nur eine einzige Lösung: das Lager zu evakuieren. Dafür haben sie mit anderen Organisationen eine Petition ins Leben gerufen.