Die Fallzahlen steigen zwar, doch inzwischen gibt es einen Impfstoff gegen die Affenpocken. Wir erklären, für wen diese Impfung infrage kommt und wo geimpft wird. Außerdem schauen wir auf die Situation der Affenpockenfälle in Deutschland und im Ausland.

Aufgrund gestiegener Affenpocken-Fallzahlen haben die USA einen nationalen und die WHO kürzlich einen weltweiten Gesundheitsnotstand ausgerufen. Zudem hat der US-Gesundheitsminister Xavier Becerra die US-Bürger*innen dazu aufgerufen, das Virus ernst zu nehmen.

Eine Maßnahme, die hierzulande nicht erfolgt ist, obwohl die Fallzahlen in Europa bisher höher waren als in den USA. Was auch damit zusammenhängen kann, dass die USA erst jetzt ihre Testkapazität weiter ausbauen – bislang wurden dort nicht so viele Menschen getestet.

Kai Kupferschmidt, Wissenschaftsjournalist
"Es ist nach wie vor so, dass sich das Virus hauptsächlich bei sexuellen Kontakten ausbreitet."

Der Wissenschaftsjournalist Kai Kupferschmidt kritisiert, dass die hauptsächliche Risikogruppe, das sind vor allem Männer, die sexuellen Kontakt mit Männern haben, nicht direkter angesprochen wurden.

In dieser Gruppe liege die Ansteckungsrate bei rund 99 Prozent, sagt Kai Kupferschmidt. "Ein Pockenvirus in der Menschheit zirkulieren zu lassen, ist schlicht und einfach keine gute Idee", sagt er.

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Dadurch das potenziell gefährdete Gruppen nicht gezielt angesprochen werden, würden sich möglicherweise Menschen vor einer Ansteckung sorgen, die gar nicht Teil einer Risikogruppe seien. Andere, die sich womöglich schützen sollten, weil sie ein höheres Risiko haben, sind wiederum nicht ausreichend informiert, sagt der Wissenschaftsjournalist.

Grundsätzlich können sich Viren verändern, sagt Kai Kupferschmidt. Daher sei es wichtig, ganz genau darauf zu schauen, ob sich Ansteckungsfälle auch in anderen Gruppen zeigen, beispielsweise bei Kindern. Zumal der Krankheitsverlauf bei ihnen noch schwerer ausfallen kann.

Impfstoffknappheit durch Versäumnisse in der Vergangenheit

Das Affenpocken-Virus habe eine lange Zeit Leid und Tod in den Ländern Zentral- und Westafrikas verursacht, was den Rest der Welt damals nicht besonders interessiert habe, sagt Kai Kupferschmidt. Das wir jetzt einen Impfstoff haben, der wahrscheinlich gegen Affenpocken schütze, hängt damit zusammen, dass in Europa und den USA in die Entwicklung eines Impfstoffes investiert wurde, weil die Sorge bestand, dass es bioterroristische Angriffe mit (menschlichen) Pockenviren geben könnte.

Dass wir die Epidemien in afrikanischen Ländern bisher nicht so ernst genommen haben, führte allerdings dazu, dass bisher nicht ausreichend Impfstoff produziert wurde. In dem Augenblick, in dem sich ein Virus global ausbreite, sei es eigentlich schon zu spät, Impfstoff für alle produzieren zu wollen. Zumal es nur eine Fabrik in Kopenhagen gebe, die den Impfstoff herstelle und diese zurzeit stillgelegt sei, weil sie für andere Impfstoffe ausgebaut werde, sagt Kai Kupferschmidt.

"Ich nehme das durchaus in meinem Umfeld wahr, das viele Menschen – vor allem schwule Freunde von mir – ihr Verhalten ein bisschen ändern."
Kai Kupferschmidt, Wissenschaftsjournalist

Der Hauptübertragungsweg von Affenpocken ist enger, längerer Haut-zu-Haut-Kontakt, zum Beispiel beim Kuscheln oder Sex. Vor allem Kontakt mit den Hautveränderungen oder mit dem Schorf führen zu einer Infektion.

Was sind Affenpocken überhaupt?

Bei der Krankheit handelt es sich typischerweise um schmerzhafte Veränderungen der Haut. Die Hautveränderungen beginnen etwa im Gesicht, in der Genital- oder Analregion. Oft kommen noch weitere Symptome dazu, wie Fieber, Kopfschmerzen, Muskel- und Rückenschmerzen oder geschwollene Lymphknoten.

Die Symptome beginnen meist innerhalb von fünf bis 21 Tage nach der Ansteckung. Die Pocken heilen in der Regel nach zwei bis vier Wochen von selbst ab, können allerdings Narben hinterlassen.

Affenpocken in Deutschland

Momentan gibt es in Deutschland laut Robert-Koch-Institut (RKI) rund 2.916 Fälle (Stand 08.08.2022) von Affenpocken. Rund die Hälfte davon wurde in Berlin registriert. Es haben sich fast ausschließlich Männer mit der Krankheit angesteckt. Bisher sind nur vier Fälle in Deutschland bekannt, bei denen sich Frauen mit Affenpocken infiziert haben.

"Die gute Nachricht ist, dass die Impfungen überall begonnen haben."
Holger Wicht, Sprecher der deutschen Aids-Hilfe

Aufgrund der sich weiter ausbreitenden Infektion haben in Deutschland inzwischen in fast allen Bundesländern die Impfungen gegen die Affenpocken begonnen. Vier Wochen lag der Impfstoff allerdings auf Eis, bis er endlich ausgegeben wurde. Holger Wicht, Sprecher der deutschen Aids-Hilfe, bezeichnet das als einen "Skandal".

Bei Corona sei die Impfstofforganisation noch unbürokratisch und schnell gelaufen. Bei den Affenpocken hingegen sei das schleppender und komplizierter geschehen. Holger Wicht, Sprecher der deutschen Aids-Hilfe, vermutet, dass es daran liegt, dass nicht die ganze Bevölkerung gleichermaßen betroffen ist.

Impfung gegen Affenpocken

Für die Affenpocken gibt es keinen extra entwickelten Impfstoff. Nach bisherigen Erkenntnissen ist die Impfung mit dem Imvanex-Impfstoff von Bavarian Nordic gegen Pocken auch wirksam gegen Affenpocken.

Da aber der Impfstoff ausschließlich in einer kleinen Fabrik vor Kopenhagen hergestellt wird, gibt es bisher einfach nur wenig davon. In Deutschland werden laufend 40.000 Dosen verimpft. Bis September 2022 werden weitere 200.000 Impfdosen in Deutschland erwartet. Aber auch das reiche noch nicht aus, sagt Holger Wicht. Seiner Meinung nach werden in Deutschland eine Million Impfdosen benötigt, damit alle eine Impfung bekommen, die sie benötigen.

"Die Impfungen laufen in der Regel über hoch spezialisierte Praxen, die oft auch kompetent für Geschlechtskrankheiten sind."
Holger Wicht, Sprecher der deutschen Aids-Hilfe

Die Impfung in Deutschland erhalten alle, die der Hochrisikogruppe angehören. Das sind Männer, die mit Männern Sex haben, häufig wechselnde Sexualpartner und eine Vorerkrankung haben.

Holger Wicht empfiehlt, sich über die Webseite der Aids-Hilfe über die Impfregelungen in den einzelnen Bundesländern zu informieren. Er rät davon ab, sich als Erstes an den Hausarzt zu wenden. Im Fall, dass man zur Hochrisikogruppe gehört, empfiehlt Holger Wicht, sich an spezielle Praxen zu wenden, die sich mit Geschlechtskrankheiten auskennen.