Die Journalistin Stefanie Glinski lebt in Afghanistan und der Türkei. Nach der Machtübernahme der Taliban flog sie von Istanbul nach Kabul, wurde aber nach einer Ansage des US-Militärs gegen ihren Willen wieder ausgeflogen. Inzwischen ist sie aber wieder in Kabul - sie ist über den Landweg in die afghanische Hauptstadt gereist. Über ihre Eindrücke und die Geschichten, die sie von den Menschen dort hört, erzählt Stefanie in Dein Sonntag.

Stefanie Glinski wohnt seit drei Jahren in Kabul. Sie arbeitet dort als Journalistin, hauptsächlich für englische Medien wie den Guardian oder Foreign Policy, aber auch für die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Kurz nach der Machtübernahme der Taliban ist sie nach Kabul zurückgereist – trotz vieler Widerstände aus dem Familien- und Freundeskreis.

"Für mich war eigentlich sofort klar, dass ich gerne wieder zurück nach Kabul möchte. Viele Freunde und Familienmitglieder waren sehr dagegen."
Stefanie Glinski, Journalistin

In den letzten Jahren hat sie Afghanistan und 27 seiner Provinzen ausführlich bereist, um die Menschen des Landes kennenzulernen und herauszufinden: Wie gehen die Menschen mit den Folgen des Krieges um? Sie will vor Ort sein, um über die Situation zu berichten, hat sie uns erzählt. Um zu sehen, wie sich das Land verändert hat und wie es sich weiterhin verändern wird.

Nach Afghanistan hineinzukommen, sei alles andere als einfach gewesen, sondern "ziemlich bitter", hat uns Stefanie erzählt. Sie sei zunächst aus Istanbul, wo sie zu diesem Zeitpunkt war, mit dem Flugzeug nach Kabul geflogen – mit der katarischen Luftwaffe, die das Journalisten angeboten hatte. Das Flugzeug, in dem sie zusammen vor allem mit deutschen und französischen Pressevertretern saß, sei später für die Evakuierung von Afghanen genutzt worden.

Stefanie will nach Afghanistan – die meisten anderen wollen raus

Die Amerikaner, die zu diesem Zeitpunkt noch vor Ort waren, hätten es aber überhaupt nicht gut gefunden, dass da jetzt plötzlich Journalisten kommen. Am Tag davor hätten die US-Soldaten noch einige Journalisten und Hilfsarbeiter "sehr widerwillig" in die Stadt gelassen. Ihr selbst wurde diese Behandlung aber nicht zuteil – sie musste das Land wieder verlassen, im selben Flugzeug, mit dem sie gekommen war.

"Die Amerikaner haben uns abgeschoben, also praktisch gezwungen, wieder in das Flugzeug zu steigen und zurück nach Katar zu fliegen."
Stefanie Glinski, Journalistin

Dabei hätten die afghanischen Flüchtlinge die Sitzplätze viel dringender gebraucht – und nicht die Journalisten, die eigentlich gerne in Kabul geblieben wären, sagt Stefanie.

Stefanie Glinski in Afghanistan
© Courtesy Stefanie Glinski
Stefanie Glinski mit afghanischen Sicherheitskräften. Die Aufnahme entstand vor der Machtübernahme der Taliban.

Mit dem afghanischen Pass zu reisen, sei äußerst schwierig, berichtet Stefanie Glinski. Die Möglichkeit zu haben, das Land zu verlassen, sei kaum vorhanden. Und wie die Zukunft aussieht, sei sehr ungewiss. Die meisten Afghanen, mit denen sie gesprochen hat, würden ihre Heimat natürlich eigentlich gar nicht verlassen wollen. Weil es eben ihre Heimat ist. Viele, die geflohen sind, hätten extrem kurzfristig alles zurücklassen müssen: ihre ganze Wohnung, ihren Beruf, ihre Freunde, ihren Bekanntenkreis - praktisch ihr ganzes Leben.

"Für mich besteht immer die Möglichkeit, Afghanistan zu verlassen."
Stefanie Glinski, Journalistin

Sie selbst habe immer die Möglichkeit, Afghanistan zu verlassen, sagt Stefanie Glinski. Als Journalistin mit deutschem Pass habe sie da ein Privileg.

Stolze Taliban

Die Reise - zusammen mit anderen Journalisten - im Auto bis nach Kabul sei insgesamt "relativ gut" gelaufen, eine "recht sichere Reise". Sie seien durch die Checkpoints durchgewunken worden, die Taliban hätten kaum Fragen gestellt. Sie seien eher neugierig gewesen und hätten wissen wollen, warum die Gruppe nach Kabul fährt. Einige Taliban-Kämpfer hätten aber ab und zu ein bisschen versucht, anzugeben. "Wir haben jetzt das Land erobert und wir sind die Sieger", hätten sie stolz erzählt.

"Die Taliban fanden das zum Teil sogar relativ lustig, dass eine Gruppe von ausländischen Journalisten mit dem Auto nach Kabul fährt."
Stefanie Glinski, Journalistin
Stefanie Glinski in Afghanistan
© Courtesy Stefanie Glinski
Stefanie Glinski in Kabul

Das Stadtbild Kabuls habe sich sehr geändert, berichtet die Journalistin. Überall würden Taliban-Kämpfer mit ihren Autos durch die Stadt fahren, samt Waffen und Fahnen. Die schwarz-rot-grüne afghanische Flagge sei inzwischen fast überall in der Stadt mit der neuen Flagge des islamischen Emirates ersetzt worden: weiß mit schwarzem Schriftzug.

Kabul, eine veränderte Stadt

Es seien weniger Menschen auf den - trotzdem noch gut gefüllten - Straßen. Die Märkte seien geöffnet, aber deutlich weniger Geschäfte als früher. Viele, viele Menschen hätten Kabul verlassen, andere würden sich weiterhin zu Hause verstecken und hätten Angst, nach draußen zu gehen – aus Angst, den Taliban zu begegnen.

"Durch die Straßen von Kabul zu laufen, fühlt sich tatsächlich etwas sicherer an als zuvor."
Stefanie Glinski, Journalistin

Die Sicherheitslage habe sich dagegen gefühlt verbessert. Vorher habe es regelmäßig Explosionen in der Stadt gegeben: oft von magnetischen Bomben, die an Autos angebracht wurden, die dann in die Luft geflogen sind. Dabei seien viele Menschen ums Leben gekommen. Außerdem wurden Menschen auf offener Straße erschossen, berichte Stefanie Glinski. Es habe "extrem, extrem viel Gewalt" gegeben. Im letzten Monat sei diese Gewalt eindeutig zurückgegangen.

Noch mehr Eindrücke und Berichte von Stefanie Glinski aus Kabul - etwa, wie Journalistinnen und Journalisten dort arbeiten können und wie es den Frauen dort geht - hört ihr, wenn ihr oben auf das Audio klickt.

Stefanie Glinski in Afghanistan
© Courtesy Stefanie Glinski
Sieht idyllisch aus: Stefanie Glinski beim Fotografieren in Afghanistan