In ganz Deutschland sind die Intensivstationen am Limit. Pflegekräfte fallen wegen Überlastung aus, Patienten und Patientinnen müssen in Stockbetten schlafen, weil der Platz knapp ist. Deutschlandfunk-Nova-Reporter Tobias Krone berichtet von seinen Eindrücken auf einer Corona-Intensivstation in München – und von einem Worst-Case-Szenario.

"Es gab Situationen, die mir sehr nahgegangen sind: Patienten, kurz bevor sie ins künstliche Koma versetzt wurden, haben sich am Handy verabschiedet von Angehörigen." Das erzählt Simon Rovan, er ist Pfleger in einer Herzklinik im Süden Münchens. Dort sind die Ansteckungszahlen mit dem Coronavirus derzeit so hoch, dass es kaum eine Verschnaufpause gibt.

Vor zwei Tagen hatte die Klinik noch genau ein freies Bett, berichtet Deutschlandfunk-Nova-Reporter Tobias Krone, der die Pflegerinnen und Pfleger vor Ort besucht hat. Nur langsam können also neue Erkrankte aufgenommen werden. Die Situation auf der Intensivstation ist für alle Pflegekräfte jeden Tag aufs Neue eine Herausforderung.

Zwangseinweisungen und -verlegungen

Beispielsweise werden Corona-Patient*innen derzeit von einer Leitstelle in München aus an die umliegenden Krankenhäuser verteilt. Teilweise gab es dabei auch Zwangseinweisungen. In manche Zimmer mussten Patienten und Patientinnen dann in Stockbetten schlafen.

Und manchmal passiere genau der umgekehrte Fall, dass Erkrankte wieder weitergeschickt werden – eine sehr unangenehme Situation für die Pflegekräfte, sagt die Pflegerin Aleksandra Kristic. Man müsse aufpassen, dass die Menschen nicht das Gefühl bekämen, dass man hier keinen Platz für sie habe. Am Ende hofften sie nur, dass es den verlegten Patientinnen und Patienten besser gehe, sagt sie.

"Wir müssen aufpassen, dass die Leute nicht merken: Es gibt jetzt keinen Platz für mich. Dass die nicht merken, dass wir jetzt unter Stress sind. Dann werden die Leute verlegt, und ja, wir hoffen und beten, dass es ihnen gut geht, beziehungsweise besser."
Aleksandra Kristic, Pflegerin in einer Klinik in München

Fehlendes Personal durch Überarbeitung

Schon seit dem Frühjahr müssen in der Herzklinik in München Betten leerbleiben, da es nicht genug Pflegepersonal gibt, das sich um die Erkrankten kümmert. Denn viele Pflegekräfte werden durch die hohe Arbeitsbelastung selbst krank und fallen aus oder kündigen – und das ist in ganz Deutschland ein Problem, berichtet Tobias Krone.

"Viele sind echt müde, haben sie mir erzählt. Sie haben Rückenprobleme und immer wieder hören auch Leute auf, weil ihnen der Job zu anstrengend ist. Das ist in ganz Deutschland so."
Tobias Krone, Deutschlandfunk-Nova-Reporter

Die Betreuung von Corona-Intensivpatient*innen ist besonders anstrengend, berichtet Tobias Krone. In heißer Schutzkleidung müssen die Pflegerinnen und Pfleger die bewusstlosen Körper waschen und mehrmals täglich drehen, damit die Atmung besser funktioniert.

Wenig Einsicht bei Ungeimpften

Für Menschen, die sich nicht impfen lassen wollen, hat der Pfleger Simon Rovan kein Verständnis. Derzeit sind 70 bis 80 Prozent seiner Patienten und Patientinnen ungeimpft – ohne sie gebe es keine Überlastung. Und diejenigen, die die Intensivstation überleben, seien auch nur teilweise einsichtig, berichtet Simon Rovan. Die Hälfte von ihnen wolle sich danach immer noch nicht impfen lassen.

Häufig seien Impfgegnerinnen und Impfgegner auch schwerer zu behandeln, da sie sich teilweise sehr daneben benähmen. Simon Rovas hat Fälle, die ihre Sauerstoffflaschen wegschmeißen würden. Da falle es ihm nur schwer, noch ruhig zu bleiben.

"Da denkt man: Hallo!? In Indien sterben Leute auf der Straße, weil es keinen Sauerstoff gibt und hier schmeißen sie ihn einfach weg. Also es gab so Situationen, wo man wirklich – ja – nicht ruhig bleiben kann."
Simon Rovan, Intensivpfleger in einer Klinik in München

Und trotzdem: Simon Rovan möchte auch Impfgegnerinnen und Impfgegner ganz neutral behandeln, das sei eben sein Job.

Der geplanten Impfpflicht für medizinisches Personal schauen viele Pflegekräfte mit gemischten Gefühlen entgegen, sagt Deutschlandfunk-Nova-Reporter Tobias Krone. Auch in der Klinik in München gebe es Verweigerer, darüber rede man aber nicht viel. Denn die Angst überwiegt, dass durch die Impfpflicht noch mehr Kollegen und Kolleginnen ausfallen – das wäre das Worst-Case-Szenario für viele Krankenhäuser, so Tobias Krone.