Arbeiten, einkaufen, kochen, wäsche waschen: Im Alltag kann das schnell zu viel werden. Warum uns Haushalt neben einem Vollzeitjob so stresst, was alte Rollenbilder damit zu tun haben und warum Social Media selbst aus Putzen ein richtiges Projekt machen kann.

Nach einer langen Arbeitswoche noch staubsaugen, abwaschen oder das Bad putzen? Für Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Celine Wegert bleibt das im Alltag auch mal liegen. Sie arbeitet teilweise im Schichtdienst. Dann fehlt ihr nach der Arbeit schlicht die Energie, sich auch noch um die Wohnung zu kümmern.

Dass Haushalt und Vollzeitjob schwer zusammenpassen können, ist nicht nur ein individuelles Problem. Paula Villa Braslavsky ist Professorin für Allgemeine Soziologie und Gender Studies an der LMU München und beschäftigt sich unter anderem mit Familienforschung und Care-Fragen. Sie sagt: Wie wir Haushalt organisieren, hat auch mit traditionellen Rollenbildern zu tun.

Historisch waren Putzen, Einkaufen und die Organisation des Alltags vor allem Frauensache. Männer – aber auch gut verdienende Frauen – konnten sich darauf verlassen, dass andere Frauen diese Arbeit übernahmen. Diese Selbstverständlichkeit gibt es heute deutlich weniger.

"Diese Selbstverständlichkeit, dass da schon wer ist, die sich darum kümmert, das ist nicht mehr so doll und das hat sich ziemlich verändert."
Paula Villa Braslavsky, Professorin für Allgemeine Soziologie und Gender Studies an der LMU München

Wer heute alleine wohnt oder sich in einer Partnerschaft Haushalt und Erwerbsarbeit teilt, muss deshalb neu organisieren: Wer kauft ein? Wer putzt? Wer merkt überhaupt, dass Waschmittel fehlt oder das Bad mal wieder dran wäre? Aufgaben, die früher häufig selbstverständlich einer Person zugeschrieben wurden, müssen heute stärker ausgehandelt werden.

Wenn Putzen plötzlich zum Projekt wird

Gleichzeitig können auch unsere Erwartungen daran steigen, wie Haushalt eigentlich gemacht werden sollte. Dabei spielt nach Einschätzung von Villa Braslavsky Social Media eine Rolle.

Auf Instagram, TikTok und anderen Plattformen sieht Putzen häufig nicht danach aus, als würde jemand einfach schnell einen Lappen nehmen und das Waschbecken sauber machen. Stattdessen gibt es Routinen, bestimmte Produkte, Spezialwerkzeuge und genaue Anleitungen.

Villa Braslavsky beobachtet darin eine grundsätzlichere Entwicklung: Selbst ganz normale Alltagsaufgaben bekommen einen Projektcharakter.

"Dass also das normalste und notwendigste, Putzen, aber auch sowas wie Kochen durch Social Media zu etwas wird, was dann angeblich ganz viel Können und Vorbereitung und Wissen und Spezialwerkzeuge und Spezialwissen und so weiter braucht."
Paula Villa Braslavsky, Professorin für Allgemeine Soziologie und Gender Studies an der LMU München

Das ist ein kleiner Widerspruch: Einerseits vermitteln solche Videos, Putzen sei ganz einfach und mache sogar Spaß. Gleichzeitig können sie den Eindruck erzeugen, man müsse genau wissen, welches Mittel für welche Oberfläche geeignet ist und wie die perfekte Putzroutine aussieht.

Das kann zusätzlich stressen. Denn dann reicht gefühlt nicht mehr: Heute mal den Klodeckel abwischen und übermorgen staubsaugen. Stattdessen entsteht schnell der Anspruch, den Haushalt besonders organisiert und gründlich erledigen zu müssen.

Die Wohnung muss vor allem bewohnbar sein

Dabei müssen Vollzeitjob und Haushalt sich gar nicht grundsätzlich ausschließen, sagt Villa Braslavsky. Entscheidend sei auch, welche Ansprüche wir an uns selbst stellen.

"Wenn man es eben pragmatisch und ohne größte Ambitionen macht, sondern halt so, dass der eigene Haushalt lebbar, bewohnbar ist."
Paula Villa Braslavsky, Professorin für Allgemeine Soziologie und Gender Studies an der LMU München

Wie gut das funktioniert, hängt allerdings stark von der persönlichen Situation ab. Wer beispielsweise im Schichtdienst arbeitet und ständig wechselnde Arbeitszeiten hat, kann es schwerer haben, feste Routinen für den Haushalt zu entwickeln als jemand mit planbareren und entspannteren Arbeitszeiten.

Die Wohnung muss also nicht immer aussehen wie im perfekten Social-Media-Video. Manchmal reicht es auch, wenn sie einfach funktioniert – und der Abwasch noch ein bisschen auf „future me“ wartet.

Shownotes
Alltags-Struggle
Warum Haushalt neben dem Vollzeitjob so stresst
vom 07. August 2026
Moderatorin: 
Lena Mempel
Gesprächspartnerin: 
Celine Wegert, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin
Gesprächspartnerin: 
Paula Villa Braslavsky, Professorin für Allgemeine Soziologie und Gender Studies an der LMU München