Thomas Manns 125 Jahre alten Roman "Buddenbrooks" versteht man am besten, wenn man von einer "unsicheren Sexualität" des Autors ausgeht, meint der Literaturwissenschaftler Hans Wißkirchen.
Wißkirchen meint, es greife zu kurz, Schriften Thomas Manns – wie oft geschehen – auf dessen latente Homosexualität zu reduzieren. Es sei produktiver, gerade auch bei der Lektüre der Buddenbrooks, von einer unsicheren Sexualität des Urhebers auszugehen. Mann schildere im Roman nicht nur den "Verfall einer Familie", wie es der Untertitel verspricht, sondern auch den Verfall eines stabilen Konzeptes von Männlichkeit.
"Er schrieb aus einer männlichen Perspektive, aber aus einer gebrochenen."
Beim Schreiben des Romans in den ausgehenden 1890er-Jahren sei Mann von Texten von Richard Wagner und Friedrich Nitzsche beeinflusst gewesen. So wie Wagner würde uns Mann nicht nur manches erzählen, sondern dabei auch einiges verschweigen. Wißkirchen versucht, das Verschwiegene sichtbar zu machen.
Nicht nur männlich oder weiblich
Er verweist zudem auf Schriften, die um die Jahrhundertwende von männlichen Autoren veröffentlicht wurden (Ernst von Wolzogen, Das dritte Geschlecht, 1899; Otto Weininger, Geschlecht und Charakter, 1903; Daniel Paul Schreber, Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken, 1903) und die eine eindeutige Unterscheidung der beiden Pole männlich und weiblich auf unterschiedliche Art und Weise infrage stellen.
"Thomas Buddenbrooks Dasein (...) war kein anderes mehr als das eines Schauspielers, eines solchen aber, dessen ganzes Leben (...) zu einer einzigen Produktion geworden ist (...) Eine Produktion (....), die beständig alle Kräfte in Anspruch nimmt und verzehrt."
Firmenchef und Familienoberhaupt Thomas Buddenbrook, dessen Geschichte Mann uns erzählt, postuliere im Roman zunächst den Glauben an die Kraft des männlichen Individuums. Der Einzelne könne sich durchsetzen, sich behaupten, auch gegen widrige Umstände. Dann aber büße Thomas Buddenbrook diese Kraft nach und nach ein. Bis er am Ende wie ein Schauspieler weiblich attribuierte Praktiken des Schminkens und Verkleidens brauche, um dem Firmenchef und Senator nur noch zu spielen.
"Man könnte Hanno als einen Spezialisten für Untergänge bezeichnen."
Wißkirchen sieht in dieser Verwandlung Thomas Buddenbrooks eine Parallele zur Erzähltheorie: So wie sich das "feste Ich" der Figur auflöse, löse Thomas Mann in dieser Schilderung den traditionellen Roman auf und übersetze ihn in die Moderne.
Der Literaturwissenschaftler Hans Wißkirchen war Gründungsdirektor des Buddenbrookhauses. Er ist Präsident der Deutschen Thomas Mann-Gesellschaft, Mitherausgeber des Thomas Mann-Jahrbuchs und Honorarprofessor für Neue Deutsche Literatur an der Universität zu Lübeck. Er publiziert zur Familie Mann, 2025 erschien "Zeit der Magier. Heinrich und Thomas Mann 1871 - 1955". Seinen Vortrag mit dem Titel "Der unsichere Mann – Männlichkeit und Maskerade in Buddenbrooks" hat er am 17. Februar 2026 in Lübeck gehalten, anlässlich der Vorlesungsreihe "125 Jahre Buddenbrooks".
Hinweis: Unser Bild zeigt das Buddenbrookhaus (Heinrich-und-Thomas-Mann-Zentrum) in Lübeck.
- Schreber, Daniel Paul (1903): Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken. Oswald Mutze, Leipzig.
- von Wolzogen, Ernst (1899): Das dritte Geschlecht. Rich. Eckstein Nachf., Berlin.
- Weininger, Otto (1903): Geschlecht und Charakter. Eine prinzipielle Untersuchung. Wilhelm Braumüller, Wien/Leipzig.
