Als Pia in ein neues Viertel in Leipzig zieht, freut sie sich: Alles schön und ruhig und sie hat eine Wohnung mit Vorgarten. Doch dann entdeckt sie immer mehr Nazi-Aufkleber in ihrem Umgebung und fragt sich: Wer sind eigentlich meine Nachbarn?

Anmerkung: Dieser Text ist die Grundlage für einen Radiobeitrag. Der beinhaltet Betonungen und Gefühle, die bei der reinen Lektüre nicht unbedingt rüberkommen. Außerdem weichen die gesprochenen Worte manchmal vom Skript ab. Darum lohnt es sich, auch das Audio zu diesem Text zu hören.

Ich bin vor einem halben Jahr umgezogen, raus aus der Stadtmitte von Leipzig in einen Stadtteil am äußersten Rand der Stadt. Da, wo die Gründerzeithäuser erst in Plattenbauten übergehen, die dann Einfamilienhäusern weichen. Kurz vor der Endstation der Straßenbahnlinie. Mein Viertel ist ein leeres Blatt. Es hat irgendwie gar keinen Ruf.

Ich bin da hingezogen, weil ich eine Wohnung mit Garten haben wollte, die auch noch bezahlbar ist. Und wenn man einen Garten hat, lernt man schnell seine Nachbarn kennen. Die haben nämlich auch Gärten.

Kurz nachdem ich eingezogen bin, hat mich einer meiner Nachbarn zum Herbstfeuer eingeladen. Klar bin ich hin. Ich bin auf einem Dorf aufgewachsen, da gab es so etwas auch. Bei meinem Nachbarn standen die Anwohner von ringsumher am Feuer, aßen Brote, tranken und quatschten nett miteinander. Richtig sympathisch. Auf den ersten Blick ist alles ruhig.

Ein Viertel wie ein leeres Blatt

Aber dann macht mich ein Freund, der in der Gegend aufgewachsen ist, auf die Wahlergebnisse aufmerksam. Die AFD hat über 20 Prozent geholt. Und dann fallen mir irgendwann diese Aufkleber auf. Die kleben entlang meines Radwegs durch Großzschocher auf den Laternenpfählen, an Stromkästen und Bahnhaltestellen. Refugees not welcome steht da zum Beispiel drauf. Oder auch: Offene Grenzen töten. Die Aufkleber sind nicht groß - die meisten so groß wie mein Handteller. Aber seit ich sie einmal irgendwo entdeckt hat, sehe ich sie plötzlich überall. 

"Hier haben wir einen NPD-Aufkleber, dann wieder von FSN TV und Der Dritte Weg, das sind eigentlich drei Aufkleber, die dem ganz radikalen neonazistischen Spektrum zu geordnet werden können. "
Manu klärt mit einer Initiative über rechtsextreme Symbole auf Stickern auf

Das ist Manu. Er ist Teil einer Initiative, die über diese Aufkleber aufklärt. Oft stehen kryptische Sachen drauf – FSN TV ist zum Beispiel ein rechtsextremer Streaming-Kanal. Weil Menschen, die sich mit den ganzen Abkürzungen und Organisationen nicht auskennen, gar nicht wissen, was das jetzt für ein Sticker ist, machen Manu und ein paar andere aus der Initiative Rundgänge und erklären die ganzen Bedeutungen. Auch mir. Wir kommen an echt vielen verschiedenen Aufklebern vorbei.

Pia: Und was ist das mit dem Herzen drauf?

Manu: I love Hitler

Judith: Ist das der wirklich?

Manu: Ja, also HTLR.

Judith: Den gibt es in verschiedenen optischen Ausführungen.

Manu: Und hier stand: das Nazikiez. Was ja auch ganz explizit ist.

Pia: Du klebst nicht, du puhlst ab.

Manu: Ja, ich puhle ab. Weil ehrlich gesagt mich nervst es schon langsam, das alles so von vorne bis hinten total zugeklebt ist.

Als ich mit den beiden durch den Kiez laufe, bin ich ehrlich gesagt etwas schockiert. Wie kommen die alle hierher? 

"Es gibt Einzelpersonen, die hier durchgehen, das teilweise das abends mit ihrem Hund kleben oder morgens, je nachdem wie sie unterwegs sind. Teilweise auch Gruppen von Menschen."
Manu klärt mit einer Initiative über rechtsextreme Symbole auf Stickern auf

Als ich mir angeschaut habe, wo ich hinziehe, habe ich geschaut, wie lange ich zum See brauche und wie häufig die Straßenbahn fährt. Ich bin in meine Gegend gefahren, um zu hören, wie laut es ist, ob der Verkehr vor meinem Fenster vorbei rauscht. Ich war im Supermarkt und beim Gemüsehändler. Ich habe mich mit ganz praktischen Dinge beschäftigt. Aufkleber haben nicht dazugehört. 

Und dann kurz vor Silvester stehe ich in der Bahn, rechts von mir ein Typ mit akkuratem Undercut, Bomberjacke, blitzenblanken Schuhe. Links von mir ein betrunkener Typ, ziemlich verlebt, mit grauer Hautfarbe, der aus allen Poren nach Alkohol und Kippen riecht. Er hat in der einen Hand zwei armlange Böller und in der anderen ein Feuerzeug. Der Typ mit der Bomberjacke sagt zu ihm: Ey, das sind aber keine deutschen Böller. Der andere pöbelt zurück: Haste'n Problem? Ey, haste'n Problem? 

Das Gefühl, dass Hass sich in meinen Alltag schleicht

Ich weiß nicht, ob er ein Problem hatte, ich hatte auf jeden Fall eins, bin ausgestiegen und habe auf die nächste Bahn gewartet. Fast zehn Jahre lebe ich in Leipzig und neun Jahre lang, ist mir nichts dergleichen passiert. Aber jetzt, hier am Stadtrand habe ich mehr und mehr das Gefühl, dass Gewalt, Wut und Hass sich in meinen Alltag schleichen.

Ich erzähle meinem netten Nachbarn von den Aufklebern. Er wohnt schon Jahrzehnte hier, fährt aber überall mit dem Auto hin. Deshalb sind sie auch ihm noch nicht aufgefallen. Als ich von ihm mehr über das Viertel wissen will, sagt er: Wenn du wissen willst, was so los ist in der Gegend, musst du mit dem Pfarrer reden. Der besucht noch die Leute Zuhause. 

Mitten im Viertel steht eine Kirche, davor ist ein kleiner, begrünter Platz, es gibt ein paar Bänke. Und die Straßenbahn hält hier auch. 

Karl Albani: Also wir hatten Hakenkreuz Aufkleber, rings um die Kirche oder reingekratzt in die Holztüren, wo wir natürlich immer Anzeige erstattet haben. Mein Eindruck mit rechten Schmierereien ist der, dass das gar nicht kontinuierlich ist. Also ich weiß nicht, was da die Gründe sind, was das für Daten sind, wo das aufbricht, wo die wieder rumziehen und bekleben oder sprühen. Aber es ist nicht so, dass da jede Woche geklebt oder Hakenkreuzschmierereien oder Parolen kommen. Irgendwann sind plötzlich alle Häuser beschmiert, selbst unsere von Kindern bunt bemalten Wände, wo man ja immer gedacht hat, dass die nicht getaggt werden

Pfarrer Karl Albani ist ein ruhiger, gemütlicher Mann, der mit seinen grauen Haaren, dem Bart und der randlosen Brille, ein bisschen an den Weihnachtsmann erinnert. Er vermutet, dass es Jugendliche, sind, die das Viertel mit Aufklebern und Hakenkreuzen übersäen.

"Ich sehe es schon so, dass sich Jugendliche radikalisiert haben. Jugendliche, die nicht nur aus – ja, um mal sozusagen gegen Autoritäten vorzugehen und zu rebellieren sich rechtem Gedankengut zugewandt haben. Sondern schon weil das gesamte Umfeld, sprich ihre Familie schwierig, also sprich zerrüttet sind. Wo sie kaum Maßstäbe kriegen."
Karl Albani, Pfarrer in Leipzig

Karl Albani lebt seit 17 Jahren in der Gegend. Als er 2002 hergezogen ist, 12 Jahre nach der Wiedervereinigung, gab es noch ganze Straßenzüge, die unsaniert waren, heute sind das allenfalls ein paar wenige Häuser – und die muss man suchen. Albani kennt die Häuser aber nicht nur von außen, sondern viele auch von innen: 

Karl Albani: Ich besuche im Jahr sicher 300-400 Familien und heute ist der Tenor der, ich weiß nicht, wer da links von mir wohnt oder rechts oder über mir. Es gibt nicht mal ein Guten Tag, wenn man sich sieht. Der allgemeine Trend ist dahingehend, dass viele, viele, allzuviele einfach sagen: Ich habe nicht einen 8 Stunden Job, sondern ich bin fertig, wenn ich nach Hause komme. Da mache ich meine Türe zu und da will ich nichts mehr wissen, nichts mehr hören. Das ist das eine. Das andere ist, dass vieles, was gemeinschaftsbildend, schaffen und stärkend war, nicht nur Städten, auch in den Dörfern, kaputtgegangen ist.

Das veränderte Viertel: Etwas ist kaputt gegangen

Karl Albani erzählt, von Menschen, die vereinsamen. Von Nachbarschaften in denen nur noch gewohnt wird. Ohne Supermarkt, ohne Kneipe, ohne Kindergarten. All die Orte, in denen Menschen aufeinander getroffen sind, sind nach und nach verschwunden. 

Das Viertel hat sich also verändert. Ein paar Straßen weiter erfahre ich mehr über diese Veränderung.

Andreas: Was wir viel gemacht haben, Sommerfeste. Durch meine Arbeit habe ich ein großes 15 Mann Zelt organisiert und dann haben die Erwachsenen für die Kinder Volleyball gespielt. Andrea hatte damals noch die Haare bis zum Arsch, die war schon Schneewittchen. Und die Proben waren schon der Höhepunkt. Also da war richtig was los, was es jetzt gar nicht mehr gibt. Kinderspielplatz ist weggemacht worden, weil den hätte man pflegen müssen. Da war ein großer Sandkasten. Die Klettergerüste sind weg. 

Andreas und seine Frau Andrea leben seit den 80er Jahren  hier im Viertel

"Wenn wir abends ausgehen wollten, haben wir bei der Nachbarin geklingelt, hier ist der Schlüssel, gehste mal alle halbe Stunde gucken. Da gab es kein Babyphone, Wir sind als Hausgemeinschaft ausgegangen, da wurde ausgelost, wer zuhause bleiben musste, weil der die Schlüssel von alle Wohnungen hatte und schauen musste, das kein Terror entsteht. Macht heute niemand mehr, keiner mehr. Soviel vertrauen untereinander gibt es nicht mehr. "
Andrea wohnt mit ihrem Mann seit Jahrzehnten im Viertel

Das Haus ist ein Block, fünf Stockwerke hoch, zwei Dutzend davon stehen nebeneinander wie Dominosteine. Ich würde sie als Plattenbauten bezeichnen, aber Andreas erklärt mir, dass die Häuser streng genommen keine Platte sind, weil sie noch nicht industriell gefertigt wurden. 

Als sie 1983 hier hergezogen sind mit ihren beiden Kindern, war in der DDR das Leben mit eigenem Klo und Bad echter Luxus. Andreas hat für den die Regierung der DDR gearbeitet, er hat militärische Objekte bewacht und ist immer in Uniform herumgelaufen. Seine Frau war und ist Lehrerin. Alle Nachbarn in ihrem Block waren Staatsbeamte

Die Gemeinschaft von früher

Die beiden sitzen in ihrem Esszimmer, das früher mal Teil der Nachbarwohnung war. Nach der Wende stand sie viele Jahre leer, bis die beiden fragten, ob sie sie auch anmieten und ihre beiden Wohnungen verbinden dürften. Wenn Menschen wegziehen, gibt es mehr Platz für die die bleiben, denke ich.
Andrea hat einige alte Fotos raus gekramt. Darauf sieht man sehr viele verschiedene Kindergesichter, selbst gemalte Plakate, Erwachsene in Kostümen: Gemeinsame Grillfeste, Spiele, Theateraufführungen - Die Hausgemeinschaft in den 80ern war hier super eng und hat hier alle zusammengehalten. Auch wenn sich Andreas heute nicht mehr sicher ist, ob das für alle immer so freiwillig war.

Andreas: Die Besonderheit war ja hier, das wir alle eine Dienststelle waren, die Männer, meist waren es die Männer. Und vielleicht hat der eine oder andere sich mehr genötigt gesehen hier mitzumachen, damit er keinen Anschiss bekommt auf der Arbeit, das kann auch ein Motiv gewesen sein, wobei ich denke vieles aus ehrlichen Herzen gewesen. 

Dann kommt die Wende und alles, wirklich alles wird anders. Der ganze Block, also alle Nachbarn werden arbeitslos. Einst waren sie treue Beamte, vom Staat versorgt, jetzt, nach der Wiedervereinigung, stehen sie vor dem Nichts. Auch Andreas hat Lehramt studiert, bevor er Beamter wurde, aber als Lehrer darf er nach der Wende nicht arbeiten.

"Das hieß also mit 34 Jahren und zwei Kindern, stehst da. Was machste jetzt? Als ich dann ne Annonce las, in der Parkgaststätte werden Kellner gesucht, da fiel die vor Lachen vom Stuhl. Du kannst du doch nicht mal eine Tasse Kaffee ohne schlabbern von der Küche bis zu uns bringen."
Andreas

Andrea hingegen war Lehrerin und konnte ihren Job behalten. Sie musste neue Inhalte lernen, neue Unterrichtstechniken – aber dann ging es für sie weiter. Viele Nachbarn aus dem Block ziehen weg.

Andrea: Die die hier gewohnt haben, die haben hier Jahrelang gewohnt, 8, 10. 12 Jahre. Heute zieht einer ein und ein halbes Jahr später zieht er wieder aus. Also so, wie das in vielen Häusern nicht. Du kennst manchmal die Leute, die ins Haus gehen und du denkst, Hallo, wohnst du überhaupt hier. Früher wusste man, wer in welchen Stockwerk wohnt.

Die beiden kennen zwar noch ihre Nachbarn, aber gemeinsames Grillen oder dergleichen – gibt es einfach nicht mehr. Schlimmer, noch, die neuen Nachbarn beschweren sich, wenn andere Grillen

Die Neonazis waren schon immer da

Andreas und Andrea haben gerne in der DDR gelebt, noch heute finden sie sozialistische Ideen gutund bezeichnen sich als rote Socken . Als ich sie nach den Aufklebern frage, wundern sie sich nicht. Sie sagen, Neonazis habe es hier im Kiez schon immer gegeben. In den 90ern hatten ihre Kinder bereits Stress mit denen.

Andreas: Der große, das war die autonome Punkergruppe Großzschocher, das war er und zwei  Kumpels, die hatten schon manchmal ihre Probleme nach Hause zu kommen. Die waren zwar schnell und schlagfertig, aber wir haben hier draußen, in dem Park, öfters mal abends, und da weißte genau, da sitzen jetzt die Nazis. Und da hat er auch gedacht, wenn die dasitzen, geh ich lieber hintenrum ins Haus. 

Andreas: Eigentlich ist ja zu DDR Zeiten dieser Rassismus, also durch den verordneten Antifaschismus, haben sich viele das gar nicht getraut, die eigentlich noch wie Nazis gedacht haben. 

Andrea: Aber es gab sie.

Andreas: Es gab sie 100 Prozent, aber sie haben sich nicht getraut.

Andrea: Nicht so öffentlich getraut, aber im kleinen Rahmen schon. 

Nazis und extreme Ansichten gab es schon immer, sagen Andrea und Andreas, nur werden sie jetzt eben nicht mehr hinter vorgehaltener Hand verbreitet, sondern zum Beispiel in Form von Aufklebern. Warum das so ist? Da geben mir Karl Albani, Andreas und Andrea ähnliche Erklärungen. Die Menschen igeln sich ein, ziehen sich ins Private zurück, interessieren sich nicht mehr für die Welt um sie herum.

Fest steht, das Viertel hat sich stark verändert. Aber diese Veränderung kann eben nicht alles erklären. Denn in Leipzig gab es überall Veränderung. Auch in den Viertel rund um die Innenstadt. Aber da kümmert sich nicht jeder um seinen eigenen Kram, Im Gegenteil: Da sind junge Menschen und kreative Köpfe zugezogen und es gibt jetzt wieder mehr Orte der Begegnung, kleine Gallerien, gemeinsame Stadtspaziergänge, Urban Gardening.

"Heimatgeschichte und Traditionspflege"

Aber in meinen Viertel gibt es gar nicht viele junge Leute. Die einzigen, die ein Stadtteilfest veranstalten, abgesehen von der Kirche, ist der Bürgerverein Körnerhaus. Auf ihrer Webseite schreiben sie, dass sie sich für „ Heimatgeschichte und Traditionspflege“ einsetzen. Es gibt auch Fotos. Da sieht man Männer in Uniformen aus der Zeit Napoleons, die Schlachten nachstellen.

Der Verein hat seinen Namen von Theodor Körner. Der ist umstritten, weil Goebbels ihn in einer Rede zitiert hat. Allerdings haben auch die Leute von der weißen Rose seine Zeilen auf ein Flugblatt gedruckt. In der DDR gab es einen Theodor Körner Preis, der NVA Leuten für ihr künstlerisches Schaffen verliehen wurde. Und Björn Höcke hat ihn auch versucht zu zitieren. Anyway, es ist jemand, über den man sich streiten kann. Der war nicht nur Dichter und Poet, sondern auch ein Soldat eines Freicorps der preußischen Armee und wurde 18hundertirgendwas für einen Tag in einem Haus in meinem Viertel versteckt – das Körnerhaus eben. Der Verein hat es in den 1990ern gekauft. Jetzt ist darin ein kleines Museum. 

Einmal die Woche treffen sich dort eine handvoll Leute, die kommen zusammen, weil sie sich für Geschichte interessieren. Also nicht Weltkrieg, DDR, Wende und die letzte 50 Jahre, sondern 18./19. Jahrhundert. Gerade planen sie, wie die neue Ausstellung aussehen soll. 

Ralf Hiller ist der Vorsitzende des Vereins. Er ist ein großer Mann Anfang 60 mit festen Händedruck. Er führt mich rum. 

Hiller: Das ist hier die Ausstellung über unseren Verein, Das hier ist Baraschka, die hat sich als Frau ins Lützower Freikorps eingeschmuggelt, verkleidet und fällt hier an der Gürde, das ist am 16.September 1813...

Solidarität im Viertel

Man merkt das schon, Hiller ist ein absoluter Geschichtsnerd. Der kann sämtliche Jahreszahlen auf den Tag genau abrufen. Total faszinierend, finde ich. Das Haus, durch das wir laufen, war mal das Gärtnerhaus eines herrschaftlichen Anwesens, aber davon ist nichts mehr übrig. Es ist klein und gemütlich und hat tiefe Decken. Hiller muss den Kopf einziehen. Er erzählt mir, wie sie das Haus renoviert haben und dabei wird klar, er findet schon, dass es hier im Viertel noch Solidarität gibt:

"Wenn ich jetzt von den alten Freuden oder Kameraden jemand brauche, da reicht ein Anruf, da steht der zwei Tage später auf der Matte, wir halten zusammen, wir halten Verbindung, das kann man nicht mit Geld bezahlen. Dadurch lebt ja auch unser großes Körnerhausfest."
Ralf Hiller, Vereinsvorsitzender

In einem Raum bollert ein Ofen, Ein paar andere Vereinsmitglieder sitzen an Tisch. Vor ihnen liegen Zeitschriften über Militärgeschichte. 32 Mitglieder hat der Verein, fast alle sind ältere Männer. Einer davon ist Wieland. Er hat einen langen weißen Bart, in dem kleine Ringe eingeflochten sind. Irgendwie sieht er aus wie eine Mischung aus Wikinger und Hippie. Auch er hat hier die Wende erlebt.

Wieland: Ja, die Sache ist die, als Bauhandwerker. Ich hab den Bauboom nach der Wende aktiv miterlebt. Ich hatte dann im Einfamilienhausbau für Bauträger gearbeitet und es kam wie es kommen musste, irgendwann stand so ein Herr mit Herkunft aus den alten Bundesländern, schwanger in seinem Sessel und sagte: Mängelfreie Abnahme ihrer Arbeit heißt noch lange nicht, dass ich die Rechnung bezahle, ehe sie die 72 000 bekommen, durch Klage, sind sie schon lange pleite. 

Erst viele Jahre später ist er wegen seines kranken Vaters zurückgekehrt. Auch er sagt, die Nachbarschaft habe sich verändert. 

Viele sind weggezogen

Wieland: Da sind viele brachliegende Grundstück oder Grundstücke mit maroder Grundsubstanz sind beräumt worden und sind mit Wohnparkanlagen praktisch bebaut worden. Viele Häuser sind von der LWB privatisiert worden und die damit einsetzende Sanierungstätigkeit hat den Mietspiegel deutlich angehoben. Und ich habe sehr viele Leute, die ich aus jungen Jahren schätzen gelernt habe, nicht mehr wieder getroffen. 

Ja, klar, wenn sich ein Stadtbild verändert, fällt das auf. früher war hier alles Grau in Grau. jetzt stehen schicke Neubauhäuser. Aber mich interessiert, ob ihnen nicht nur diese großen, offensichtlichen Dinge auffallen, sondern auch die kleinen.

Pia: Wenn ich hier den Radweg hochfahre... 

Wieland: Pfui Teufel. Das ist die eine Seite des Extremismus. Die andere Seite des Extremismus, von der man sich aber genauso distanzieren muss, sind solche Dinge wie Kein Mensch ist illegal, etc pp. Da finde ich es dumpfbackig, wenn Menschen mit terroristischem Hintergrund und extremistischen Gedanken genauso willkommen sein soll wie ein Familienvater, der versucht hier Fuß zu fassen, sich ein neues Leben aufzubauen, damit er seine Familie nachholen kann. 

"Kein Mensch ist illegal" steht auf den Aufkleber, die an anderen Orten in der Stadt kleben. Über den Nazi-Aufklebern, die mich so erschrecken. Man könnte meinen, dass da zwei Welten aufeinander treffen. Aber ich finde, Kein Mensch ist illegal ist nicht extremistisch. Es könnte auch drauf stehen: Im Zweifelsfall für den Angeklagten. Oder: Es gilt die Unschuldsvermutung. Weil man den Menschen eben nicht ansieht, was sie denken oder tun. Und vielleicht macht das eben Nachbarschaft aus.

Nicht dort leben, wo alle denken wie man selbst

Ich weiß nicht, neben wem ich da wohne. Sind die Leute von gegenüber vielleicht diejenigen, die die I LOVE HTLR - Aufkleber kleben? Ich habe ja keinen gesehen, der das macht. Ich glaub’s eher nicht, aber… man weiß ja nie. In meinen Viertel wohnen ja sehr viele unterschiedliche Menschen, das habe ich während dieser Recherche gelernt: Familien, Linke, AFD, Wähler, Autonome, Rentner, Christen und irgendwo vielleicht auch Rechtsextreme. Wir sind unterschiedlich. Und vielleicht macht genau das Nachbarschaft aus, bevor bevor dort nur noch Studenten oder Künstler oder gutverdienende Kleinfamilien leben.

Ich finde das gut, denn wenn man in einem Viertel lebt, in dem alle denken wie man selbst, dann hält man das plötzlich für die Normalität, die Durchschnittsmeinung. Dabei ist es nur ein Ausschnitt der Wirklichkeit. Mein Viertel ist anders.

Wenn ich hier leben möchte, muss ich viel mehr Widersprüche aushalten als in der Innenstadt. Ich muss mich mit der Welt auseinandersetzen, auch mit all den Teilen, die ich nervig und anstrengend finde. Zum Beispiel mit den Aufklebern.

Was das Gute an Nachbarn ist, hat Deutschlandfunk-Nova-Reporterin in ihrem neuen Viertel in Leipzig erlebt. Für den Geburtstag einer Freundin wollte sie ein aufblasbares Einhorn aufpusten - nur mit Atemluft nicht zu machen. Beim Suchen nach einer Luftpumpe traf sie auf ihren Nachbarn. Wenig später, lacht sie mit ihm über das gemeinsame Einhorn-Großprojekt. Mit einen Kompressor, betrieben über den Zigarettenanzünder im Auto, bekommt das Einhorn schließlich Luft. Für Pia ist klar: So sollte Nachbarschaft doch aussehen.