Schon fünf Mal sind Kandidaten zum US-Präsidenten gewählt worden, die weniger Stimmen hatten als der Gegenkandidat. Das wirkt nicht sehr gerecht. Wieso halten die USA an ihrem Wahlsystem fest?

Als die Amerikanische Republik Ende des 18. Jahrhunderts gegründet wurde, war das Land teletechnisch nicht erschlossen. Das Telefon war gerade erfunden worden, aber noch nicht besonders weit verbreitet. In vielen Teilen des großen Landes gab es auch noch keine Telegraphie.

1787 hat die verfassungsgebende Versammlung des Landes sich das System der Wahlmänner - inzwischen zählen dazu natürlich auch die Wahlfrauen - ausgedacht. Je nach Größe des Landes gibt es eine bestimmte Zahl von Wahlmännern, die so wählen, wie die Mehrheit in ihrem Bundesstaat. Zusammen bilden die 538 Entsandten der Bundesstaaten das Electoral Collge. Ihre Wahlergebnisse übermitteln sie dann nach Washington, wo diese dann am 6. Januar ausgezählt werden.

"Das Mehrheitswahlrecht ist ein bisschen so, wie die Erststimme bei der Bundestagswahl, mit der der Kandidat des Wahlkreises gewählt wird. Wer die Mehrheit der Stimmen kriegt, gewinnt den Wahlkreis."
Britta Nelson-Waldschmidt, Professorin für transatlantische Geschichte

In der amerikanischen Geschichte wurden bereits fünfmal Kandidaten zum Präsidenten gewählt, die weniger Stimmen hatten als ihr Gegenkandidat:

  • 1824 John Quincy Adams (Demokrat)
  • 1876 Rutherford B. Hayes (Republikaner)
  • 1888 Benjamin Harrison (Republikaner)
  • 2000 George W. Bush (Republikaner)
  • 2016 Donald Trump (Republikaner)
"Auch ein winziger Staat wie South Dakota, mit weniger als einer Million Einwohner, hat, genauso wie Kalifornien, zwei Senatoren. Gerade die kleineren und ländlichen Staaten, die nicht so viel Bevölkerung haben, pochen auf ihr Recht diese Wahlmänner entsenden zu dürfen."
Britta Nelson-Waldschmidt, Professorin für transatlantische Geschichte

Wenn man ein Verhältniswahlrecht in den USA einführen würde, würden Bundesstaaten mit hohen Einwohnerzahlen wie Texas, New York und Kalifornien die Wahl bestimmen. Ein wichtiges Anliegen der Gründungsvätern der USA war es, das zu verhindern: Die kleinen Staaten sollten nicht von der Masse erdrückt werden. Das Mehrheitswahlrecht ist somit etwas, was die Rechte der kleineren Staaten schützen soll.

Vereinzelte Initiativen zur Änderung des Wahlrechts

Die Staaten Maryland und Kalifornien hatten bereits versucht, auf einzelstaatlicher Ebene die Regelungen zum Wahlgesetz zu ändern. Danach hätten die "electoral votes" so abgegeben werden müssen, dass sie der Mehrheit der landesweit abgegebenen Stimmen entsprechen. Das Parlament von Kalifornien hatte die Gesetzesänderung schon verabschiedet, aber der damalige Governeur Arnold Schwarzenegger hatte sie in letzter Sekunde mit seinem Veto belegt.

Solch eine Änderung der Wahlpraxis in den USA hätte auch einen Effekt auf die ländlichen Staaten im Süden der USA, die nicht so dicht besiedelt sind und traditionell republikanisch wählen. Ihr Einfluss wäre geschwächt und somit auch die Wahrscheinlichkeit niedriger, dass ein Republikaner zum Präsidenten gewählt wird.