Den anderen den Vortritt lassen, keine großen Erwartungen wecken und im Amt bleiben. Die Politikjournalistin Ulrike Winkelmann erklärt uns Angela Merkels Erfolgsrezept.

Barack Obama wäre garantiert spätestens einen Tag nach den ersten Krawallen in Heidenau aufgetaucht - bei Angela Merkel hat es drei Tage gedauert, bis sie nur etwas dazu gesagt hat. Viele Politikerkollegen haben sich darüber beschwert und im Netz kursiert der Hashtag #merkelschweigt. Am Mittwoch reist Angela Merkel endlich nach Heidenau - die Stadt liegt ganz in der Nähe eines Ortes, den die Kanzlerin auf ihrer Bürger-Dialog-Rundreise schon länger besuchen wollte.

Die Politikjournalistin Ulrike Winkelmann ist überzeugt: Ganz freiwillig fährt Angela Merkel nicht nach Sachsen. Weil das nicht Merkels Art sei und sie in der Regel eine andere Strategie verfolge: Abwarten, bis sich die anderen ausgetobt haben, das Ergebnis auswerten und erst dann der Auftritt der Kanzlerin. Und dabei gehe es darum, den Bürgern das Gefühl zu vermitteln, Angela Merkel fasse das Geschehen noch einmal gut zusammen und jetzt gehe es weiter - mit Merkel als Kanzlerin.

"Merkel musste mehr oder weniger nach Heidenau getragen und geschoben werden."
Ulrike Winkelmann, Politikjournalistin

Das Ziel dieser Strategie: Die Menschen beruhigen und aus den Fehlern der anderen lernen. Damit fahre Angela Merkel gut, so Ulrike Winkelmann. Seit 2005 schicke die CDU-Chefin lieber erst mal andere ins Feuer, die sich dann den Mund mit gewagten Thesen verbrennen. Zum Beispiel bei der Frage, ab wann man das Geschehen in Afghanistan Krieg nennen darf. Merkel ließ anderen den Vortritt, bevor sie sich selbst äußerte. Präsidialstil nennen Beobachter diese Taktik.

Kleine Schritte statt Prophezeiungen

Ein anderes gutes Beispiel: die Eurokrise. Von Merkel gab es hier keine Prognosen oder Prophezeiungen, sondern nur kleine Schritte. Und damit sei sie bis heute ganz gut durchgekommen, sagt Ulrike Winkelmann. Gut möglich, dass diese Taktik auch bei der Diskussion um Heidenau wieder aufgeht. Das Schweigen der Kanzlerin dauere so lange, bis alle begeistert seien, wenn sie überhaupt spricht, so Ulrike Westermann. Schon als Merkel die Ausschreitungen in Heidenau als "abstoßend" bezeichnete, bekam sie sehr positives Feedback - vor allem in der Regionalpresse.

Angela Merkel hat also das Erwartungsmanagement perfektioniert: Ihr gelinge es seit dem ersten Tag, an dem sie Politik macht, dafür zu sorgen, dass sie unterschätzt wird. Und dann lege sie die Latte genau sohoch, dass eines sicher sei: Sie kann sie nicht reißen.