Die Opfer des Anschlags von Hanau wurden zwar willkürlich aber gezielt ausgewählt – neun von ihnen hatten einen Migrationshintergrund. Zweifellos ein rassistisches Attentat. Und nun? Ozan Zakariya Keskinkiliç forscht zu antimuslimischem Rassismus und fragt sich: "Warum ist man ewig Fremder in seinem eigenen Land?"

"Ich kannte die Menschen nicht, die getötet wurden. Ich habe trotzdem viel geweint – um sie, um ihre Familie und ihre Freunde", sagt Ozan Zakariya Keskinkiliç. Er forscht zu antimuslimischem Rassismus und promoviert an der Humboldt-Universität Berlin, wo er lebt. Aufgewachsen ist er in Südhessen. Auch Hanau kennt er. Auf dem Weg zu seiner Familie und seinen Freunden, kommt er mit der Regionalbahn an der Stadt vorbei, erzählt er.

Nachrichtenflut per Whatsapp

Am Donnerstag war er erschöpft. "Ich bin aufgewacht, habe mein Handy angemacht und habe dann direkt erst einmal Whatsapp-Nachrichten gekriegt von vielen Freundinnen und Freunden, dass da irgendwas passiert ist", erzählt Ozan Zakariya Keskinkiliç.

"Ich merke, wie die Ereignisse meinen ganzen Tagesablauf überschatten. Und das wird mich die nächsten Tage bestimmt auch noch begleiten."
Ozan Zakariya Keskinkiliç, Rassismus-Forscher

Nach der Flut aus weiteren Nachrichten und mehr Informationen über den Anschlag in Hanau, habe er sein Handy erst einmal weglegen müssen. Plötzlich ist der Anschlag in Hanau präsent – in den Medien, im Alltag, im Kopf. Abschalten funktioniert da nicht, erzählt der Rassismus-Forscher.

Trauer zulassen und Zeit nehmen

Nachdem Ozan Zakariya Keskinkiliç wieder sein Handy in den Händen hielt, kam die Trauer. Diese zuzulassen sei für ihn wichtig gewesen: "Man hat oft wenig Zeit für das Trauern, weil man direkt in einem anderen Film ist. Für mich war es wichtig, auch noch einmal zurückzugehen. Mich zu fragen, wie es eigentlich den Familien und Angehörigen geht, die davon betroffen sind", sagt er.

"Du liest so einen rassistischen Text und du weißt, du gehörst zu 'so einem Volk' und sollst eigentlich vernichtet werden"
Ozan Zakariya Keskinkiliç, Rassismus-Forscher

Zurück bliebe der Schmerz – und die Angst, sagt er. Auch wenn er nicht überrascht sei, dass es zu solchen Attentaten komme oder Menschen rassistische Texte veröffentlichen.

Die Shisha-Bar als Safe Space

Die Bilder des Anschlages seien von nun an ein ständiger Begleiter. "Man fragt sich: 'Wohin kann ich gehen?' Viele Menschen mit Rassismuserfahrungen, die in vielen anderen Bars und auch Discos abgewiesen werden, haben dann eine Shisha-Bar als Ort, wo sie zusammenkommen können. Das heißt, der Anschlag hat einen Einfluss darauf, wie wir uns jetzt bewegen in der Stadt", erklärt Ozan Zakariya Keskinkiliç. Wohin also gehen, wenn der ehemalige Safe Space Ort eines Attentats wurde? Was hat Hanau für Folgen?

Das Gefühl nicht gewollt zu sein

Ozan Zakariya Keskinkiliç ist Deutscher. Er ist hier geboren und aufgewachsen, hat in Deutschland studiert. Und trotzdem sorgen rassistisch motivierte Anschläge dafür, dass er sich Gedanken darüber machen muss, wohin er im schlimmsten Falle gehen könne, in welches Land er ziehen könne, sagt er. "Warum ist man ewig Fremder in seinem eigenen Land? Was muss man noch tun, um sozusagen dazuzugehören? Man wird aus seinem eigenen Land vertrieben", sagt er.

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Für Ozan Zakariya Keskinkiliç ist klar: Rechte Gewalt sei ein Symptom, der Ursprung liege in unserem Alltag und in der Art, wie wir uns innerhalb der Gesellschaft begegnen. Es fängt damit an "niemals als Teil von hier gesehen werden zu können, weil man so aussieht wie man aussieht oder weil man so heißt wie man heißt", erklärt er.