• Deutschlandfunk App
  • ARD Sounds
  • Spotify
  • Apple Podcasts
  • Abonnieren

Deutschland macht Russland für einen Anschlagsversuch in Leipzig verantwortlich. Laut WDR-Journalist Florian Flade sind Aktionen wie diese "Staatsterrorismus". Wie greift Russland im Verborgenen an? Und wie kann Deutschland reagieren?

Vier Wochen ist es nun her, dass am Flughafen Leipzig/Halle an einem ukrainischen Frachtflugzeug mit Sprengstoff präparierte Drohnen entdeckt wurden. Explodiert sind sie nicht.

Nun haben Ermittler die mutmaßlichen Täter identifiziert. Und Innenminister Dobrindt äußert sich bei einer Pressekonferenz am Mittwoch (2. September 2026) deutlich: "Die Bundesregierung kommt zu dem Schluss, dass Russland den hybriden Angriff in Leipzig zu verantworten hat."

Verhältnis zu Russland spitzt sich weiter zu

Russland wiederum reagiert prompt. Das scheint darauf hinzuweisen, dass Putin genau verfolgt, wie sich die Bundesregierung verhält, sagt Wolfgang Schmidt. Er war im Kabinett von Bundeskanzler Olaf Scholz Kanzleramtsminister und Beauftragter für die Nachrichtendienste des Bundes.

"Putin selbst hat auf die Pressekonferenz der beiden Minister reagiert. Das zeigt, dass da offenbar ein Nerv getroffen ist und Putin das Signal durchaus verstanden hat."
Wolfgang Schmidt, ehem. Kanzleramtschef und ehem. Beauftragter für die Nachrichtendienste des Bundes

Wolfgang Schmidt sagt: Wenn mit Sprengstoff bepackte Drohnen auf einen Flughafen gesteuert werden, dann sei das eine neue Qualität hybrider Angriffe. Seines Wissens sei es das erste Mal, dass die Bundesregierung ein konkretes Land für einen versuchten Sprengstoffanschlag verantwortlich gemacht hat.

Parallel zur Pressekonferenz sei der russische Botschafter ins Auswärtige Amt einbestellt worden, um ihm die von der Bundesregierung beschlossenen Maßnahmen zu unterbreiten. Nämlich:

  • Das russische Generalkonsulat in Bonn soll geschlossen werden.
  • Der Vertrag mit dem Russischen Haus in Berlin soll gekündigt werden.
  • Die Einreisebedingungen für russische Staatsbürger sollen verschärft werden.
  • Der Druck auf die russische Schattenflotte soll erhöht werden.
  • Die Unterstützung für die Ukraine soll verstärkt werden.

Reichen die Maßnahmen aus?

Innenminister Alexander Dobrindt sagt öffentlich, er gehe davon aus, dass Russland in Zukunft weitere Angriffe verüben werde. Doch wenn die Bedrohungslage so groß ist: Reichen die nun beschlossenen Maßnahmen aus? Ja, sagt zumindest der Ex-Beauftragte für die Nachrichtendienste Wolfgang Schmidt.

"Es kann ja auch noch mehr kommen. Zum Beispiel könnte ein Sprengstoffanschlag tatsächlich stattfinden. Dann braucht man noch ein bisschen Luft nach oben, was Maßnahmen angeht."
Wolfgang Schmidt, ehem. Kanzleramtschef und ehem. Beauftragter für die Nachrichtendienste des Bundes

Politik und Experten rechnen mit weiteren Anschlägen

Florian Flade ist Investigativjournalist beim WDR und Teil der Recherche-Kooperation von WDR, NDR und Süddeutscher Zeitung. Er recherchiert seit Jahren zu russischer Spionage und Sabotage in Deutschland. Seiner Einschätzung nach werden sich die Angriffe künftig verlagern. Als Beispiel verweist er auf eine veröffentlichte Liste mit europäischen Rüstungsunternehmen. "Russland hat quasi gesagt: Das sind für uns legitime Ziele", so der Journalist.

"Wenn wir von diesen Brandanschlägen und Attentaten wie in Leipzig reden, würde ich ganz klar sagen, das ist Staatsterrorismus."
Florian Flade, Investigativjournalist

In den vergangenen Jahren sind Spionage und mögliche Angriffe aus Russland beim Bundesamt für Verfassungsschutz eher ein Nischenthema gewesen, erläutert Florian Flade. Das habe sich in kurzer Zeit geändert: "Aus dem Bundesamt für Verfassungsschutz heißt es, es gebe mittlerweile genauso viele Hinweise und Fälle im Zusammenhang mit Spionage und Sabotage wie im islamistischen Terrorismus."

Deutschland reagiere auf die Bedrohung mit neuen Strukturen – zum Beispiel mit dem Gemeinsamen Zentrum zur Abwehr hybrider Bedrohungen. Damit sollen Polizei und Nachrichtendienste ihre Informationen besser bündeln können.

Russlands Ziel: Unterstützung für die Ukraine schwächen

"Man wird besser", schätzt Florian Flade ein. Gleichzeitig gebe es zu bedenken: "Russland weiß, dass die europäischen Behörden begrenzte Ressourcen haben. Das heißt, die können sehr schnell überdehnt werden durch ganz viele Vorfälle, die alle ermittelt werden müssen."

Warum Russland den Druck dermaßen erhöht? Für den Investigativjournalist ist die Antwort ganz klar: Russland wolle erzwingen, dass die Unterstützung für die Ukraine beeinträchtigt und im besten Fall auf lange Sicht beendet werde.

Florian Flade erklärt: Die Frachtflugzeuge in Leipzig seien für den Transport von Waffen bestimmt . "Hätte man diese Transportmaschinen zerstört, hätte das einen unmittelbaren Effekt auf den Krieg in der Ukraine gehabt."

Darüber hinaus sei es Russlands Ziel, uns, die Menschen in Deutschland, durch erfolgte oder versuchte Anschläge zu verängstigen.

„Es soll ein gesellschaftliches Klima erzeugt werden, in dem Menschen sagen: Wir sollten aufhören, die Ukraine zu unterstützen. Darum geht es natürlich."
Florian Flade, Investigativjournalist

Ihr habt Anregungen, Wünsche, Themenideen? Dann schreibt uns an unboxingnews@deutschlandradio.de

Shownotes
Anschlag in Leipzig
Wie gefährlich ist Russland für Deutschland?
vom 02. September 2026
Moderation: 
Ilka Knigge
Gesprächspartner: 
Wolfgang Schmidt, ehem. Kanzleramtschef und ehemal. Beauftragter für die Nachrichtendienste des Bundes
Gesprächspartner: 
Florian Flade, Investigativjournalist beim WDR