Genau so wie Blueser oder Punks waren auch die Metal-Fans ein fester Teil der Sub- und Jugendkulturen der DDR. Historiker Nikolai Okunew erklärt in seinem Vortag, über welche Kanäle und Radiosendungen sich die Szene informiert hat und wie politisch oder unpolitisch sie war.

Sie sollen insgesamt 1151 Personen gewesen sein, verteilt auf 15 Städte von Berlin bis Suhl. So fasst das Ministerium für Staatssicherheit die Heavy-Metal-Szene in der DDR in einem Bericht "Zur Lage unter negativ-dekadenten Jugendlichen" am 10. Februar 1989 zusammen.

Wenn das stimmt, zählten sie damals zu den größten Gruppen unter den Sub- und Jugendkulturen der DDR. Historiker Nikolai Okunew zeichnet nach, wie diese Szene an ihre Platten und Aufnahmen gekommen ist, wo ihre Konzerte stattgefunden haben und inwiefern sie sich als politisch verstanden hat.

Vom Westradio in die DDR

Für die Heavy-Metal-Fans in der DDR waren anfangs besonders die Musiksendungen in den Westradios wichtig. In den 1980er-Jahren lief aber auch im DDR-Rundfunk Metal: erst in der "Heavy Stunde" und ab 1986 dann im Jugendradio DT64 in der Sendung "Tendenz Hard bis Heavy".

"Ein Mecklenburger Zeitzeuge erklärte mir, er habe sich als junger Werftarbeiter zur Not den Wecker gestellt, um die nächtlichen Wiederholungen aufnehmen zu können."
Nikolai Okunew, Historiker, ZZF Potsdam

Die Songs, die während der Sendung im Jugendradio gespielt wurden, haben später auch DDR-Bands nachgespielt. Über "Tendenz Hard bis Heavy“ kamen die Metal-Fans auch an Infos über Konzerte, die oft außerhalb der großen Städte stattfanden. Dafür sind die ins brandenburgische Telz, ins sächsische Putzkau oder in die Gemeinde Lichtentanne im Erzgebirge gefahren.

Repressalien gegen Heavy-Metal-Band

In seinem Vortag erklärt der Historiker am Beispiel der Thüringer Gruppe "Macbeth", wie rigide die Kulturbürokratie in die Szene eingriff. Nachdem der Text des Antikriegsliedes "Bombenhagel" erst von der sogenannten Einstufungskommission als pazifistisch gedeutet wurde, galt er nach einem ekstatischen Konzert der Band in Erfurt als faschistisch.

"Dieses Beispiel zeigt gut, wie flexibel die Auslegung von Texten sein konnte, wenn sie im Sinne der Parteiideologie erfolgte", sagt Nikolai Okunew. Darauf hin ergriff der Staatsapparat der DDR Repressalien gegen die Band und nahm ihnen Auftrittsmöglichkeiten.

Nikolai Okunew geht der Frage nach, ob die vermeintlich "negativ-dekadenten Jugendlichen" der Heavy-Metal-Szene politisch waren oder es sein wollten. Eher nicht, muss die Antwort wohl lauten. Die meisten von ihnen machten eine Ausbildung, gingen arbeiten und einige Aussagen deuten darauf hin, dass sie politisch eher desinteressiert waren.

"Zugespitzt gesagt: Die Gigs von Heavy Metal Bands waren kollektive, symbolische Republikflucht."
Nikolai Okunew, Historiker, ZZF Potsdam

Wichtiger sei eher gewesen, wie man an die neuesten Platten aus dem Westen kommt. Laut Okunew blieben die Heavys "ideologisch passiv". Und auch das zog wiederum das Interesse der Stasi auf sich.

Nikolai Okunew mag auch privat Heavy Metal. Während seines Studiums stellte er fest, dass es noch nicht viel historische Forschung zum Thema Heavy Metal in der DDR gibt. Also machte er sich selbst an die Arbeit; daraus wurde seine Promotion. Heute arbeitet er am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam. Im November 2021 erschien sein Buch: "Red Metal. Die Heavy-Metal-Subkultur in der DDR". Für uns hat er seinen Vortrag "Roter Stahl. Heavy Metal in der DDR" am 28. September 2021 aufgenommen.

  • Hörsaal
  • Moderation:  Katja Weber
  • Vortragender:  Nikolai Okunew, Historiker, Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF)