Nach 40 Jahren hilft eine Organisation von Großmüttern bei der Identifizierung geraubter Kinder von Diktaturopfern. Etwa 400 von ihnen leben seit der Militärdiktatur mit einer falschen Identität - ohne davon zu wissen.

Plötzlich heißt es, eine andere Familie sucht seit Jahren nach dir, und du hättest eigentlich ein ganz anderes Leben geführt. Genau so geht es den "geraubten Kindern" in Argentinien. Sie wurden als Babys ihren Eltern entrissen, weil diese gegen das Regime waren. Regimetreue Familien zogen ihre Kinder dann groß. 40 Jahre ist die argentinische Militärdiktatur jetzt her, und ungefähr so alt sind inzwischen die Kinder von damals. Etwa 400 von ihnen leben immer noch unter einer falschen Identität. Manche ahnen vielleicht, dass etwas nicht stimmt.

Unser Protagonist Hilario nennt seine Zieheltern die 'Eltern seines Herzens'. Er hat sie im Gerichtsprozess verteidigt. Seine leibliche Oma hat seine Zieheltern mit ihrer Aussage schwer belastet. Das konnte er kaum ertragen.

Der jüngste Hinweis auf ein geraubtes Kind kam von der Organisation der "Großmütter der Plaza de Mayo". Sie sind Mütter von vorwiegend jungen Leuten, die in den 70er und 80er Jahren gegen die Militärdiktatur gekämpft haben und deswegen in Foltergefängnissen verschwanden und umgebracht wurden. Darunter auch viele schwangere Frauen. Eine von ihnen war die Widerstandskämpferin Ana Maria Lanzillotto, die Mutter eines jetzt identifizierten Mannes. Schon während der Diktatur sickerte durch, dass ihre Babys am Leben seien und an regimetreue Familien weitergereicht wurden.

"Wenn in Argentinien ein verschwundener Enkel wieder auftaucht, ist der Medienrummel ziemlich groß", berichtet Regina Mennig. Sie arbeitet gemeinsam mit Jenny Hellmann an dem Dokumentarfilm Algo mío - Argentiniens geraubte Kinder. Die Organisation der Großmütter liefere einerseits das "Futter" für die Medien, andererseits schütze sie die wiedergefundenen Enkel, erklärt sie.

Leibliche Eltern gefoltert und ermordet

Wenn sich die tatsächliche Identität, zum Beispiel per DNA-Abgleich, bestätigen lässt, wird die argentinische Staatsanwaltschaft aktiv. Wegen Verdacht auf Kindesraub leitet sie dann ein Verfahren gegen die Zieheltern ein. In vielen Fällen sind das ehemalige Militärangehörige, die sich die Babys quasi ausgesucht haben, nachdem sie im Foltergefängnis zu Welt gekommen sind.

Catalina war im Prozess Mitklägerin gegen ihre Zieheltern. Sie hatte eine furchtbare Kindheit. Ihr Ziehvater war ein ehemaliger Militär, hat sie als Baby im Foltergefängnis abgeholt und dafür gesorgt, dass ihre leibliche Mutter umgebracht wird.