Wer wie die Menschen in Argentinien, mit einer Dauerinflation lebt, gewöhnt sich daran und entwickelt Strategien, um das Nötigste erwerben zu können, berichtet unsere Korrespondentin in Argentinien.

In Argentinien herrscht seit Jahren Inflation. In Deutschland liegt die Inflationsrate zurzeit bei rund 7,5 Prozent, in Argentinien über das Jahr gesehen bei ungefähr 70 Prozent, schätzt unsere Südamerika-Korrespondentin Anne Herrberg.

"Man gewöhnt sich daran und konstruiert als Gesellschaft eine, aus unserer Sicht ziemlich verrückte, Parallel-Ökonomiestruktur darum herum."
Anne Herrberg, ARD-Korrespondentin in Südamerika

Da die Währung im Land, der Peso ständig an Wert verliere, seien die Menschen dazu übergegangen, ihr Geld in US-Dollar zu tauschen. Allerdings steckt das Land in einer Wirtschaftskrise und hat zudem hohe Auslandsschulden. Deshalb seien nicht ausreichend US-Dollar vorhanden, dass alle Bürger*innen ihr Geld tauschen können, sagt die Argentinien-Korrespondentin.

Inflation in Argentinien: Legaler und illegaler Wechselkurs

Dadurch sei der sogenannte "Dollar Blue", der blaue Dollar entstanden, ein illegaler Wechselkurs, den viele Bürger*innen des Landes nutzen, um ihr Geld zu einem deutlich teureren Kurs in US-Dollar umzutauschen, berichtet die Korrespondentin.

Selbst Argentinier*innen, die noch nie einen US-Dollar in der Hand gehalten haben, kennen den illegalen Wechselkurs, weil er morgens täglich, sozusagen nach dem Wetterdienst, im Radio durchgesagt wird.

Tauschgeschäfte, Nachbarschaftsnetzwerke und Suppenküchen

40 Prozent der Argentinier*innen leben derzeit in Armut. Diese Menschen leiden besonders stark unter den Preissteigerungen, weil die Inflation vor allem Dinge wie Lebensmittel, Toilettenpapier und Benzin betrifft. "Die Lage ist sehr, sehr dramatisch", sagt Anne Herrberg.

Tauschmärkte in den Vororten der Hauptstadt Buenos Aires boomen zurzeit. Die Menschen helfen sich gegenseitig in Nachbarschaftsnetzwerken mit Suppenküchen, die von sozialen Bewegungen ins Leben gerufen werden, berichtet Anne Herrberg.

Diese werden von Unternehmen und der Regierung unterstützt, die etwas dazu zahlen. Damit versucht man, zumindest die ärmeren Menschen des Landes, ausreichend mit Essen zu versorgen, sagt Anne Herrberg.

"Das Land hat eine ganz lange Inflationsgeschichte: Es gab in den 80er-Jahren eine Hyperinflation, bei der morgens der Keks am Kiosk billiger war als am Abend."
Anne Herrberg, Korrespondentin in Südamerika

Während viele nur noch das Nötigste kaufen und die Rechnungen am letztmöglichen Tag begleichen, geben diejenigen, die vergleichsweise über viel Geld verfügen, zurzeit auch unheimlich viel aus, sagt Anne Herrberg.

Ärmere versuchen Geld zusammenzuhalten, Reiche geben viel aus

Ratenkauf ist derzeit die bevorzugte Art, etwas zu bezahlen, weil sich die Schulden, wenn man sie in der Peso-Währung hat, über eine Dauer von mehreren Wochen oder Monaten durch die Inflation im Prinzip verringern. "Die Schulden werden geringer, wenn man sie in Peso hat. Deswegen boomen in Argentinien Programme, alles Mögliche auf Raten zu kaufen", sagt die Südamerika-Korrespondentin.

Auch einen Tisch in einem Restaurant in Buenos Aires zu bekommen, sei zurzeit schwierig, weil diese oft bis zum Ende des Jahres ausgebucht seien. Denn diejenigen, die über ausreichend Geld verfügen, gingen zurzeit häufig aus.