Seit die internationalen Truppen letztes Jahr Afghanistan verlassen haben, wird heute weniger über das Land berichtet. Aber die Lage vor Ort ist dramatisch, sagt unsere Korrespondentin: Viele Menschen im Land hungern. Manche Familienväter versuchen aus Verzweiflung, ihre Niere zu verkaufen.

Wenn die Hilfsorganisationen, die nach wie vor in Afghanistan sind, warnen, dann ist das kein Alarmismus, sagt Silke Diettrich, die als ARD-Korrespondentin für Afghanistan zuständig ist. 97 Prozent der Afghaninnen und Afghanen könnten dieses Jahr unter die Armutsgrenze rutschen, warnen die Vereinten Nationen. Und schon jetzt hungert jeder und jede Zweite dort.

"Die Verzweiflung ist riesig!"
Silke Diettrich, ARD-Korrespondentin, über die Lage in Afghanistan

Wenn Silke heute mit Menschen vor Ort spricht, dann hört sie Geschichten purer Verzweiflung: Familienväter versuchen ihre Nieren zu verkaufen, um irgendwie die Familie über Wasser zu halten, berichtet sie. Auch hört sie wieder häufiger, dass Kinder, insbesondere kleine Mädchen verkauft würden.

"Die Kinder trifft es doppelt hart."
Silke Diettrich, ARD-Korrespondentin, über die Lage in Afghanistan

Armut gab es in Afghanistan zwar schon vor der Machtübernahme der Taliban, erinnert unsere Korrespondentin, aber sie hat nun neue Dimensionen: Auch die Mittelschicht, die sich in den letzten 20 Jahren herausgebildet hatte, hungert jetzt, sagt sie. Seit Monaten sind keine Gehälter mehr ausgezahlt worden.

Immer mehr Not in Afghanistan

Auch sie selbst hat es überrascht, wie schnell die Taliban an die Macht gekommen sind. Dennoch, glaubt sie, hätte der Abzug der internationalen Truppen anders laufen müssen, geordneter. Für diejenigen, die für die Amerikaner und Deutschen etwa gearbeitet hatten, die sogenannten Ortskräfte, war das ein Schlag ins Gesicht, sagt Silke – sie wurden einfach im Stich gelassen.

"Nicht mal die Geheimdienste haben geahnt, dass die Taliban so schnell an die Macht kommen würden. Aber das ist immer noch keine Entschuldigung."
Silke Diettrich, als ARD-Korrespondentin für Afghanistan

Im Interview mit Sebastian Sonntag erzählt die Korrespondentin, dass sie noch immer zu vielen Menschen vor Ort Kontakt hält, auch zu solchen, die für die ARD gearbeitet haben und nicht mehr fliehen konnten. Viele verstecken sich, berichtet sie, bewegen sich ständig, bleiben nicht an einem Ort – aus Angst vor der Rache der Taliban. Silke fühlt sich schlecht deshalb, auch wenn sie gar nicht helfen konnte.

"Wir verdrängen oft, dass nicht alle darunter leiden, dass die Taliban an die Macht gekommen sind."
Silke Diettrich, als ARD-Korrespondentin für Afghanistan

Es gibt aber auch Dinge, die sich verbessert haben, sagt sie. So muss man etwa keine Angst mehr haben, dass immer und überall eine Bombe hochgehen kann. Es gibt auch Regionen, in denen kaum Veränderungen spürbar sind, weil die Taliban dort schon immer waren, erklärt sie.

Sicherheitslage besser – aber zu welchem Preis?

Aber die Versorgungslage ist eben dramatisch. Die Taliban-Regierung, die mehr aus ehemaligen Kämpfern denn aus Bürokraten besteht, funktioniert nicht, sagt Silke. Und es fehlt Geld:

75 Prozent des afghanischen Staatshaushaltes bestanden aus Hilfen, und diese Milliarden stehen jetzt nicht mehr zur Verfügung. Hinzu kommt die durch den jahrelangen Bürgerkrieg marode Infrastruktur und die Dürre letztes Jahr.

"Jetzt lassen wir die Menschen dort im Prinzip verhungern."
Silke Diettrich, als ARD-Korrespondentin in Neu-Delhi zuständig für Afghanistan

Helfen kann jetzt eigentlich nur Geld, so die Korrespondentin. Aber die internationale Gemeinschaft steckt in einer riesigen Zwickmühle: Sie hat Afghanistan Hals über Kopf verlassen, und nun gibt es dort ein De-facto-Regime der Taliban. Ob nun anerkannt oder nicht, ob man mit ihnen verhandeln will oder nicht – an ihnen kommt eben keiner vorbei, erklärt sie. Erschwerend kommt hinzu, dass die Spendenbereitschaft für Afghanistan nur noch sehr gering ist.

Im Sonntagsinterview erzählt Silke Diettrich noch viel mehr: Nicht zuletzt beschreibt sie, wie dramatisch sich die Lage für Frauen und Mädchen verschlechtert. Und wie es war und jetzt ist, in Afghanistan als Korrespondentin zu arbeiten. Für das ganze Gespräch klickt oben auf Play.