Die Forschung in Europa ist sich weitestgehend einig: Es werden immer weniger Insekten. Eine große Studie kommt für die USA zu einem ganz anderen Ergebnis: Hier erkennen Forschende insgesamt keinen Rückgang bei der Häufigkeit und Artenvielfalt von Insekten. An der Studie gibt es allerdings einige Zweifel und teils deutliche Kritik.

Für ihre Metastudie, veröffentlicht im Fachmagazin Nature Ecology & Evolution, haben Forschende um Michael Crossley von der University of Georgia Langzeitdaten aus früheren Studien zusammengefasst und neu analysiert. Grundlage waren mehr als 5000 Datenreihen, in denen Insekten, aber auch andere Tiere in 68 Gegenden der USA untersucht wurden – in der Stadt, über landwirtschaftlichen Nutzflächen, bis hin zu großen Naturschutzgebieten an der Küste und auch in der Prärie. Auch die Zeiträume unterscheiden sich stark: Mal waren es wenige Jahre, mal Jahrzehnte, einige Datenreihen starten in den 1980er-Jahren, andere im neuen Jahrtausend.

Viele Kompromisse in der Studie

Untersucht wurden verschiedene Insektenarten: Blattläuse, Grashüpfer, Mücken, aber auch Flusskrebse, Krabben und Zecken. Auch wenn Flusskrebse, Krabben und Zecken in der Systematik zu Arten zu den Gliederfüßern gezählt werden, zu denen auch Insekten gehören, sind die Tiere eigentlich keine Insekten, so Jan Bungartz aus unseren Wissensnachrichten.

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Ein Grund dafür, dass Flusskrebse, Krabben und Zecken in die Studie einfließen, dürfte sein, dass es schwierig ist, an Langzeitdaten über Insekten zu kommen. Die Studie geht aber noch weitere Kompromisse ein: So wurden beispielsweise nicht immer Tiere gezählt oder ihre Menge direkt erhoben, teilweise wurden nur Zeichen ihrer Aktivität gezählt – zum Beispiel, wie viele Zeckenbisse es gab, oder wie viele Gänge Krabben gegraben haben.

Für einige Arten und in einigen Gegenden wurden zwar Rückgänge festgemacht, bei anderen Arten seien aber keine Veränderungen feststellbar, sogar Anstiege von Populationen messbar. In der Summe heißt das in der Studie: Weder Anstieg noch Rückgang in den USA. In ihrem Fazit kommen die Forschenden zu einem Ergebnis, dass sie als "beruhigend" bezeichnen. Die Gliederfüßer-Populationen in den USA seien anscheinend robust.

"In der Summe heißt es laut Studie: Weder Anstieg noch Rückgang in den USA. Ein Fazit der Forschenden, das sie selbst als 'beruhigend' bezeichnen: Die Gliederfüßer-Populationen in den USA seien anscheinend robust."
Jan Bungartz, Deutschlandfunk-Nova-Reporter

Teils deutliche Kritik an der Studie

Die internationalen Reaktionen auf die Studie sind teilweise sehr deutlich: So spricht Christoph Scherber vom Institut für Landschaftsökologie an der Universität Münster von keinem guten Beispiel wissenschaftlicher Praxis. Die Untersuchung wirke, als werde da zusammengekratzt, was irgendwie nach Insekt klinge.

"Ein Professor an der Uni Münster spricht von keinem guten Beispiel wissenschaftlicher Praxis. Die Studie wirke, als werde da zusammengekratzt, was irgendwie nach Insekt klinge."
Jan Bungartz, Deutschlandfunk-Nova-Reporter

Carsten Brühl, Forscher am Institut für Umweltwissenschaften der Universität Koblenz-Land findet es weiterhin wenig beruhigend, dass vor allem Populationen an Schadinsekten wie Blattläuse stabil geblieben seien, aber Nützlinge, wie etwa Bienen, kaum untersucht wurden, so unser Reporter. Andere Forschende kritisieren darüber hinaus die sehr unterschiedlichen Erhebungsmethoden zur Zahl der Insekten und Gliederfüßer.

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Widerlegt ist das Insektensterben mit der Studie definitiv nicht, meint Jan Bungartz. Ganz abgesehen davon, dass sich die Erkenntnisse nicht auf Deutschland, Europa oder den Rest der Welt übertragen lassen. Das aber haben auch die Autoren zugegeben. Doch selbst für die USA scheint die Aussage der Forschenden ziemlich gewagt, meint unser Reporter.

Immerhin: Die Studie zeigt, dass unterschiedliche Arten auch sehr unterschiedlich betroffen sind. Und die US-Forschenden fordern selbst weitere Studien und dass Insekten ausführlicher und systematischer untersucht werden müssen.