Artem ist bei seinen Eltern in der Ukraine. Sie leben in einem kleinen Dorf in der Nähe des Atomkraftwerks bei Saporischschja. Der Beschuss eines Atomkraftwerks wie in Saporischschja ist eine Katastrophe – nicht nur für die Menschen in der Ukraine, sagt Artem.

In der Nacht des Angriffs auf das Atomkraftwerk bei Saporischschja (oben auf dem Bild zu sehen) hätten sie nicht schlafen können, es sei furchtbar gewesen. Gegen 2 Uhr nachts hätten sie aus den Medien erfahren, dass die russischen Truppen das Atomkraftwerk bei Saporischschja besetzt haben.

"Wir wollen auf keinen Fall ein zweites Tschernobyl haben."
Artem ist bei seinen Eltern in der Nähe des AKW Saporischschja

In der Nacht zum 4. März haben russische Truppen das Atomkraftwerk in der ukrainischen Stadt Saporischschja beschossen und unter ihre Kontrolle gebracht. Dabei hat ein Projektil ein Gebäude getroffen, das danach in Brand geraten ist. Der Brand konnte gelöscht werden, doch das Risiko einer nuklearen Katastrophe durch den Beschuss von Atomkraftwerken während der russischen Offensive ist groß.

Auch Artem hat davon gehört, dass die Lage rund um das AKW stabil sei. "Aber wenn wieder jemand auf ein Atomkraftwerk schießt? Ich will lieber nicht darüber nachdenken, weil sonst … Was soll ich dann machen?", fragt sich Artem verzweifelt.

Seine Eltern leben in ihrem eigenen Haus mit Garten. Manchmal gehe Artem vor die Tür, um ein wenig frische Luft zu schnappen. Viel könne man ohnehin nicht machen, es sei noch Winter und ziemlich kalt.

Wenn Flucht keine Option ist

Sein Bruder und seine Schwester, jeweils mit der eigenen Familie, waren auch in dem Haus, insgesamt waren sie zu zehnt. Sie hätten sich gut im Haus verstecken können.

Nach dem Brand im AKW Saporischschja sei sein Bruder mit seiner Familie in die Westukraine gefahren. Er und seine Schwester mit ihren Kindern hätten sich aber entschieden zu bleiben, weil seine Eltern beide über 70 Jahre alt sind und nicht fliehen könnten, da sie schon etwas gebrechlich seien.

"Meine Eltern haben gesagt, sie bleiben hier. Wir können sie nicht alleine lassen. Sie brauchen Unterstützung."
Artem ist bei seinen Eltern in der Nähe des AKW Saporischschja

Noch seien sie gut mit Lebensmitteln versorgt. Im Dorf gebe es Produkte wie Eier und Mehl zu kaufen. Vor dem Angriff auf das AKW konnten sie sich noch in einem größeren Supermarkt mit Lebensmitteln eindecken.

"Wenn wir sparsam mit dem Essen umgehen, wird es für eine Woche ausreichen."
Artem unterstützt seine Eltern in der Ukraine

Darüber, was kommen wird, denkt Artem nicht nach, das würde es nur schlimmer machen. Von Freunden und Bekannten aus anderen Teilen der Ukraine höre er, dass genauso wie in Saporischschja die Städte bombardiert werden.

"Die Bilder und die Videos, die mir meine Freunde und Bekannten aus anderen Städten schicken, sind einfach fürchterlich."
Artem ist bei seinen Eltern in der Nähe des AKW Saporischschja

Artem versucht ruhig zu bleiben. Die Familie würde zu Hause zusammenbleiben, gemeinsam schauen sie Nachrichten. Er schaue auch die russischen Nachrichten, um zu verstehen, welche Stimmung in Russland herrsche, und zu erfahren, ob der Krieg gestoppt werde.

"Ausgehend von dem, was ich beobachte, ist mein Gefühl: Es wird immer schlimmer."
Artem ist bei seinen Eltern in der Nähe des AKW Saporischschja

Zu Beginn der russischen Offensive hätten sie die Hoffnung gehabt, dass es schnell wieder aufhören werde. Doch jetzt habe er den Eindruck: "Das ist erst der Anfang."

In Charkiw lebt einer seiner Freunde, dessen Haus bei den russischen Angriffen getroffen wurde. Das sei aber eine andere Situation als bei ihm auf dem Dorf.

Hoffen auf die EU

Was ihm Sorgen mache, sei das Atomkraftwerk. "Wenn das getroffen wird, ist das eine Katastrophe für alle: Das Schwarze Meer, Westrussland, für Osteuropa." Deshalb hoffe er sehr, dass vielleicht die EU dazu beitragen kann, dass die Atomkraftwerke geschützt werden.