Wir arbeiten und bekommen dafür ein Gehalt. Auf dem Bau ist das nicht immer so: Besonders Arbeitskräfte, die aus dem Ausland kommen, werden oft um ihren Lohn betrogen. Nur wenige von ihnen trauen sich, dagegen vorzugehen.

Auf dem Bau erledigen Hilfsarbeiten oft ausländische Arbeiter. Sie kommen aus Polen, Albanien oder – wie im Fall von Amin Al Adji – aus Syrien. Der 36-Jährige ist mit seiner Frau und seinen drei Kindern aus Syrien nach Deutschland geflohen. In Berlin hat er für ein Bauunternehmen gearbeitet, bei dem er regulär angestellt war.

Den vollen Lohn für seine Arbeit bekam Amin Al Adji aber nicht. Nachdem er drei Monate in Vollzeit auf den Baustellen der Firma gearbeitet hatte, hat sein Arbeitgeber ihm insgesamt 1.300 Euro überwiesen. Als Amin Al Adji seinen Chef darauf angesprochen hat, wann er den Rest des Lohns bekomme, hat dieser ihn immer wieder vertröstet.

"Ich hätte mir nicht vorstellen können, dass so was in Deutschland passiert, dass man sein Geld nicht bekommt. Vor allem nicht bei einem deutschen Arbeitgeber."
Amin Al Adji, 36, hat für seine Arbeit auf einer Baustelle nur einen Teil seines Lohns bekommen

Erst nachdem sich das Berliner Beratungszentrum für Migration und Gute Arbeit eingeschaltet hat, hat der Arbeitgeber angekündigt, Amin Al Adji den vollen Lohn zu überweisen. Eine Entschädigung, die dem 36-Jährigen zustehen würde, möchte das Bauunternehmen allerdings nicht zahlen.

Angst zu klagen

Amin Al Adji ist das egal, klagen möchte er nicht, sondern nur das Geld für seine Arbeit, sagt er. Damit das reibungslos abläuft, hat er uns gebeten, weder den Namen des Bauunternehmens zu nennen noch Kontakt mit diesem aufzunehmen.

Mittlerweile hat die Firma dem Familienvater gekündigt, weil der 36-Jährige kurz vorher nicht mehr zur Baustelle gekommen ist. Die Fahrt mit Bus und Bahn dorthin konnte sich Amin Al Adji schlichtweg nicht mehr leisten. Nach drei Monaten fast ohne Lohn hatte er weder Geld, um seine Familie zu ernähren, noch um davon ein Fahrticket zu kaufen.

Als er seinen Chef darauf ansprach, sagte dieser ihm, er könne doch schwarzfahren, erzählt der 36-Jährige. Genau das tat der Familienvater dann auch und wurde prompt erwischt. 60 Euro Strafe wurde fällig und für ihn stand fest: Noch einmal ohne ein Ticket würde er nicht fahren.

Das System der Ausbeutung

Mit Fällen wie dem von Amin Al Adji beschäftigt sich die Beratungsstelle immer wieder, sagt Beraterin Anja Smasal von der Fachstelle für Migration und Gute Arbeit. Gerade wenn es um Hilfsarbeiten gehe, würden Subunternehmen häufig Geflüchtete ausbeuten.

Die Betroffenen würden sich oft nicht trauen, gegen die Arbeitgeber vorzugehen, weil sie Angst haben, ihren Job zu verlieren oder weil sie ihre Rechte nicht kennen. Erst wenn sich die Beratungsstelle einschaltet, bezahlen sie den Arbeitenden den Lohn, der ihnen zusteht, so Anja Smasal.

"Wenn die Arbeitgeber von uns kontaktiert werden, ist die Quote sehr hoch, dass sie zahlen, weil es offensichtlich ist, dass Betrug stattgefunden hat. Die meisten wollen nicht vor Gericht."
Anja Smasal, Beraterin für Arbeitsausbeutung im Berliner Beratungszentrum für Migration und Gute Arbeit

Auf dem Bau hat die Ausbeutung von ausländischen Arbeitenden System, erklärt ihre Kollegin Monika Fijarczyk. Seit Jahren berät sie Menschen wie Amin Al Adji, die um ihren Lohn betrogen werden.

Die Firmen würden die Arbeiter häufig für wenige Wochen beschäftigen, sie nicht dafür bezahlen und dann wieder entlassen oder die Arbeiter gehen von sich aus. Weil die Nachfrage so hoch ist, finden die Bauunternehmen nach kurzer Zeit andere ausländische Arbeitskräfte. Anders als Amin Al Adji wenden sich viele von ihnen nicht an eine Beratungsstelle, weil sie davon zum Beispiel nicht wissen. Dem 36-Jährigen hat eine Freundin geraten, die Fachstelle aufzusuchen.

"Es gibt eine sehr große Nachfrage nach unqualifizierter Arbeitskraft in diesem Sektor. Die Leute werden ständig angeworben und dann entlassen. Nach mehreren Jahren Erfahrung in der Beratungsstelle, stelle ich fest, dass das systematisch erfolgt."
Monika Fijarczyk, Beraterin im Berliner Beratungszentrum für Migration und Gute Arbeit

Ähnliches System wie in der Fleischindustrie

Um die Arbeitsverhältnisse der Arbeitenden in der Baubranche zu verbessern, braucht es für Monika Fijarczyk vor allem Druck aus der Politik – ähnlich wie in der Fleischindustrie. Das System der Ausbeutung dahinter sei ähnlich: Den Gesamtauftrag hat oft ein Unternehmen, das im Anschluss Unteraufträge an Subunternehmen vergibt.

Für Spezialarbeiten wie die Elektrik oder Arbeiten am Dach macht das auch Sinn, sagt sie. Oft würden die Subunternehmen aber nicht für Spezialarbeiten beauftragt, sondern einzig zu dem Zweck, Arbeitskräfte zu finden, die dort für wenig Geld arbeiten.

"Häufig werden Firmen auf Baustellen gebracht, die ausschließlich dafür da sind, billige Arbeitskräfte in der Subunternehmer-Kette zu gewährleisten."
Monika Fijarczyk, Beraterin im Berliner Beratungszentrum für Migration und Gute Arbeit

Würden die Subunternehmer-Ketten verkürzt und auf spezifische Ausführungen eines Auftrags eingeschränkt, könnte das dem Problem schon entgegenwirken, sagt Monika Fijarczyk. Spanien zum Beispiel regle das bereits so.