Kaum eine Chance auf einem Job, kaum eine Aussicht, dass sich die Lage verbessert - wenig verwunderlich, dass viele Menschen vom Balkan ihrer Heimat den Rücken kehren. Viele versuchen ihr Glück in Europa. Selbst wenn sie kaum eine Chance haben, bleiben zu dürfen.

Unter all den Flüchtlingen, die momentan nach Deutschland kommen, haben die vom Balkan einen besonderen Status: Wer aus Serbien, Albanien oder dem Kosovo stammt, wird meist wieder zurückgeschickt. Weil die deutsche Politik entschieden hat, dass ihre Herkunftsländer das Prädikat "sicher" bekommen. Und dann gibt es kein Asyl. Und da die Länder noch nicht Teil der Europäischen Union sind, können Bürger dieser Staaten auch nicht einfach einreisen und bleiben.

Trotzdem kommen seit Monaten Flüchtlinge auch aus diesen Ländern - seit Januar mehr als 100.000. Und das wird am Donnerstag (27.08.2015) auch die Teilnehmer der Westbalkan-Konferenz in Wien beschäftigen, obwohl die sich eigentlich nur mit besserer Zusammenarbeit in der Region beschäftigen wollten.

"Junge Ärzte haben auf dem Balkan kaum eine Chance, eine Praxis zu eröffnen - und dann machen sie sich auf den Weg nach Deutschland."
​Paula Petric, stellvertretende Leiterin der Heinrich Böll Stiftung Belgrad

Paula Petric, ist stellvertretende Leiterin der Heinrich Böll Stiftung in Belgrad und weiß genau, wer da bei uns ankommt:: Eine homogene Gruppe ist das nicht, die gerade dem Balkan den Rücken kehrt. Da sind Menschen aus Südserbien, dem Kosovo, Albanien, Montenegro oder auch Bosnien-Herzegowina, die arbeitslos sind und überhaupt keine Perspektive haben. Genauso kennt Paula Petric aber Auswanderer mit Hochschulabschluss, zwischen 25 und 30 Jahren alt, die auf dem Balkan keinen geeigneten Job finden und lieber in der EU leben wollen.

Jobs gibt es fast nur in der Verwaltung

Grundsätzlich gilt: Der Arbeitsmarkt auf dem Balkan ist ziemlich klein. Seit dem Zerfall Jugoslawiens wurde viel privatisiert - mit bescheidenem Erfolg. Die Industrie hat sich seitdem kaum entwickelt. Was bleibt, sind öffentliche Verwaltungen, die aber nicht alle Jobsuchenden anstellen können, sagt Paula Petric. Wer Medizin studiert hat und vielleicht noch ein Praktikum an einem Klinikum absolviert hat, findet im Anschluss keinen Job und eine eigene Praxis kann er auch nicht eröffnen. Wer infolge des Balkankrieges noch Verwandte in Deutschland oder anderen EU-Staaten hat, zögert also nicht lange, seinem Geburtsland den Rücken zu kehren.

Bleibt die Frage, ob die Ausreisewilligen vom Balkan nicht langsam mitbekommen haben, dass sie in Deutschland kaum eine Chance haben, als Asylsuchende anerkannt zu werden. Bei den schlecht ausgebildeten Menschen gebe es in jedem Fall zu wenige Kenntnisse über die Situation in Deutschland und der EU, sagt Paula Petric. Eine Stelle in der EU finden fast nur hoch qualifizierte Auswanderer. Wobei dafür ein Hochschulabschluss ohne Berufserfahrung nicht reicht. Für allle anderen gilt: Die Chancen auf dem europäischen Arbeitsmarkt sind begrenzt.