Egal ob Steinzeitdiät, Low Carb, glutenfrei oder vegan – Nils Binnberg hat jeden Ernährungstrend mitgemacht. Danach war er nicht nur schlanker, sondern auch krank: Er hatte den Zwang, sich gesund zu ernähren.

Am Ende hat Nils Binnberg nur noch fünf Lebensmittel gegessen: Räucherlachs, Avocado, Fleisch, Salat und Nüsse. Erst als er in einem Magazin auf den Begriff Orthorexie stößt und erfährt, dass es sich dabei um eine krankhafte Fixierung auf gesunde Ernährung handelt, fällt der Groschen. "Es war nicht leicht, da über Nacht rauszukommen", aber seine Therapie war erfolgreich.

Angefangen hat alles mit dem Wunsch, ein bisschen abzunehmen. In seiner Jugend sei er immer sehr schlank gewesen, in seinen Dreißigern habe er 16 Kilo zugenommen: "Ich war geschockt, als ich das gesehen habe und habe mich auch in meiner Männlichkeit gekränkt gefühlt." Ein Ernährungsmediziner empfiehlt ihm eine kohlenhydratarme Diät und Kraft-Ausdauer-Training – und sofort nimmt er ab.

"Ein Ernährungsmediziner hat mir erklärt, dass Kohlenhydrate böse sind."
Nils Binnberg, Autor und Journalist

Dieser Erfolg befeuert Nils regelrecht und er beginnt alles über gesunde Ernährung zu lesen und auszuprobieren, was er finden kann. In der einen Woche isst er nur Fleisch, Fisch und Gemüse, in der nächsten Woche dann nur noch vegan: "Das ist wahnsinnig widersprüchlich gewesen, aber ich habe die wie wild durcheinander probiert", trotzdem habe er immer geglaubt, dass die Methode, die er gerade ausprobiert, die beste sei.

Sein Speiseplan ist am Ende alles andere als abwechslungsreich: Abends Fisch oder Fleisch mit Salat, mittags Avocado mit Räucherlachs und morgens einen Buchweizen-Brei: "Der roch total nach Tapetenkleister". Zu diesem Zeitpunkt geht es für Nils schon lange nicht mehr nur ums Abnehmen, sondern um Selbstoptimierung.

Nils war Essenssnob und Essensmissionar

Längst hat er sich an das Gefühl gewöhnt, den anderen Menschen und der Welt überlegen zu sein, weil er sich ganz besonders gesund ernährt. Damit habe er sich als Vorbild gefühlt. Zugleich war getrieben davon, sein Körpergefühl und sich selbst immer weiter zu optimieren.

"Das Körpergefühl musste immer weiter optimiert werden, obwohl ich schon einen Sixpack hatte. Ich wollte mich auch moralisch überlegen fühlen."
Nils Binnberg, Autor und Journalist

Bei Abendessen mit Freundinnen und Freunden berichtet er stundenlang von seinen Diäten, erzählt von Verdauungssäften und Nährstoffen: "Ich habe an manchen Abenden schwadroniert wie ein Politiker", erinnert sich Nils, die Menschen hätten damals wie gebannt zugehört.

Als Nils den Begriff Orthorexie kennenlernt und sich in Therapie begibt, fragt er sich das erste Mal: "Woher kommt es, dass ich andere Leute beeindrucken will?" Nach und nach lässt er den Zwang, gesund zu essen, hinter sich und kann inzwischen auch wieder ganz entspannt in einen Burger beißen.

"Ich bin in einem Kaninchenloch der Ernährungsideologien verschwunden."
Nils Binnberg, Autor und Journalist

Über seine Erfahrungen mit Orthorexie hat Nils Binnberg das Buch "Ich habe es satt – Wie uns Ernährungsgurus krank machen" geschrieben. Er warnt davor, dass wir uns von selbsternannten Ernährungsgurus Trends diktieren lassen: "Alles was extrem ist, ist extrem ungesund", sagt Nils heute.