Azim ist Afghane und arbeitet in Kabul für die IT der US-Armee. Außerdem fotografiert er den Alltag afghanischer Straßenkinder und ist Graffitikünstler. Darüber hält er im September 2014 bei einem Ted-Talk in Berlin einen Vortrag. Er will nur ein paar Tage in Deutschland bleiben, doch dann kommt ein Anruf von seiner Frau.

Azim ist an seinem letzten Abend in Berlin mit einem Freund unterwegs. Seine Frau Frozan weint und erzählt ihm am Telefon, dass die Taliban in ihr Haus in Kabul eingebrochen seien. Sie haben die Familie bedroht und Azims Vater so schwer verletzt, dass er im Krankenhaus gestorben ist. Für Azim ist sofort klar: Diese Attacke hat eigentlich ihm gegolten.

Die Taliban haben Azim schon früher bedroht

Die Taliban haben zuvor schon die Galerie angegriffen, in der Azim die Fotos der Straßenkinder ausgestellt hat. Sie werfen ihm vor, dass er Kinder vom Islam wegführe. Dabei ist Azim muslimisch, er glaubt an Gott, er spricht viel mit Gott, aber er fastet oder betet nicht im klassischen Sinn.

An diesem letzten Abend in Berlin spricht Azim mit seinem Freund. Es geht darum, ob er jetzt, nach dem Angriff, in Deutschland Asyl beantragen soll.

"Ich hatte nur einen Rucksack, Kleidung, Laptop und sonst gar nichts. Ich sagte: 'Was passiert, wenn ich hierbleibe? Was passiert mit meiner Familie, was passiert mit meiner Persönlichkeit?' Er meinte: 'Was passiert, wenn du zurückgehst und dann du bist tot?'"
Azim über den Moment, in dem er überlegt, in Deutschland zu bleiben

Azim und Frozan haben zwei Kinder, sein Sohn ist 2014 drei Jahre alt, seine Tochter gerade mal drei Monate. Seine Frau und er sind ein gutes Team, sie leben in einem Haus mit Azims Eltern. Azim verdient bei seinem Job bei der US-Armee in Afghanistan gutes Geld.

"Ich hatte mehrere Gründe zurück zu gehen (nach Kabul), aber der sehr wichtige und richtige Grund für mich hierzubleiben (in Deutschland), waren meine Kinder und ihre Zukunft und meine Frau."
Azim entscheidet sich in Deutschland zu bleiben

Azim stellt einen Asylantrag

Beim BAMF, dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, stellt Azim einen Asylantrag und hofft, dass es schnell geht. Dann will er Frozan und die beiden Kinder nachholen.

Doch 2015 kommen sehr viele Geflüchtete aus Syrien nach Deutschland, das BAMF ist überlastet. Und die Politik diskutiert zu dem Zeitpunkt auch, ob Afghanistan als "sicheres Herkunftsland" eingestuft werden solle. Viele Afghan*innen warten damals zwei bis drei Jahre, bis ihre Anträge bearbeitet werden.

Vier Jahre vergehen, bis seine Familie nach Deutschland kommt

Bei Azim geht es dann sogar verhältnismäßig schnell: Im November 2016 – nach etwas mehr als zwei Jahren – entscheidet ein Gericht, dass er in Deutschland bleiben darf. Jetzt darf Azim endlich arbeiten und auch offiziell einen Deutschkurs machen. Dann dauert es nochmal anderthalb Jahre bis auch seine Frau und die beiden Kinder im März 2018 endlich nach Deutschland kommen können. Azim geht in diesen vier Jahren des Wartens durch ein Auf und Ab der Gefühle. Mal ist da Hoffnung, mal Verzweiflung und immer wieder: Einsamkeit.

"Ich war nicht bei meiner Familie, bei meinen Kindern. Wer bezahlt das? Niemand. Weil es ist vergangen. Du kannst diese Zeit nicht zurückbringen."
Azim über die vier Jahre des Wartens in Deutschland

Die ganze Geschichte von Azim hört ihr hier oder im Podcast.

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Die Quellen zur Folge:
  • Einhundert
  • Moderatorin:  Shalin Rogall
  • Autor*in:  Lara Lorenz