Die Bafög-Reform sollte eigentlich dafür sorgen, dass es nicht nur monatlich mehr Geld gibt, sondern dass auch mehr Studierende Bafög bekommen. Aktuelle Zahlen vom Centrum für Hochschulentwicklung zeigen jedoch, dass das nicht gut geklappt hat. Wir sprechen mit Ulrich Müller, der diese Zahlen mit erhoben hat.

Bafög ist Geld, das der Staat zahlt, um Studierende in Deutschland zu unterstützen. Geregelt ist es nach dem Bundesausbildungsförderungsgesetz (kurz: Bafög – daher der Name für die Leistung). Im Sommer 2022 gab es eine Reform, durch die die Zahl derjenigen, die Bafög bekommen, leicht gestiegen ist.

Aber Fachleute schlagen dennoch Alarm. Sie sagen, die Quote sei immer noch viel zu niedrig und unterscheide sich stark von Bundesland zu Bundesland. In manchen Ländern bekommt nicht mal jede*r zehnte Studierende Hilfe, heißt es. Ulrich Müller leitet den Bereich politische Analysen beim gemeinnützigen Centrum für Hochschulentwicklung. Er sagt, bei der Reform im Sommer müsse man die Wirkung noch etwas abwarten, aber es zeichne sich bereits ab, dass die Inflation diese Erhöhung längst aufgefressen habe.

"Die Regierung hat sich über Jahrzehnte immer zu spät darum gekümmert, die Beitragssätze anzuheben."
Ulrich Müller, Centrum für Hochschulentwicklung

Zum einen sei das Bafög angesichts aktueller Preise einfach zu niedrig. Zum anderen sei das Konzept des Bafögs ein Stück weit aus der Zeit gefallen. Ulrich Müller und seine Kolleg*innen hatten bei ihren neuen Berechnungen nicht erwartet, dass es zwischen den einzelnen Bundesländern so große Unterschiede bei den Bafög-Förderungsquoten gibt: In Sachsen liege die Quote bei 18 Prozent. "18 Prozent der Studierenden kriegen Bafög, das ist absoluter Spitzenwert. Wenn man auf der anderen Seite der Tabelle guckt, landet man im Saarland mit 8,3 Prozent", sagt Ulrich Müller, "ähnlich schlecht schneiden erstaunlicherweise Hamburg, Thüringen und Baden-Württemberg ab."

Wissen Studierende nicht Bescheid oder haben sie Hemmungen?

Die Gründe für diese großen Unterschiede seien nicht ganz klar. Ulrich Müller vermutet, dass es daran liegt, dass das Gesamtkonzept in den Bundesländern unterschiedliche etabliert und akzeptiert sei. Die Fragen, die sich für ihn an diese Vermutung anschließen: Stellen die Studierenden einfach keinen Antrag? Oder sind sie nicht gut über das Bafög informiert? Oder haben sie Hemmungen, weil sie denken, sie würden sich verschulden?

"Das Bafög stand immer für ein Versprechen. Das Versprechen lautete: Ein Studium scheitert niemals am Geld."
Ulrich Müller, Centrum für Hochschulentwicklung

Ulrich Müller erklärt, dass die ursprüngliche Idee beim Bafög war, dass ein Studium niemals am Geld scheitern sollte. "Was ich für ganz wichtig halte – gerade jetzt in so schwierigen Zeiten, in denen wir stecken. Und dieses Versprechen des Bafögs läuft zunehmend ins Leere", sagt Ulrich Müller.

Er stelle fest, dass ein Studium meist vom Einkommen der Eltern abhänge und demnach die Unterstützung auch an das Wohlwollen der Eltern gekoppelt sei. Oder das Studium sei abhängig von einem Job. "Einen Nebenjob mit dem Studium zu vereinbaren, das kann nicht jeder. Und deswegen sagen wir, das kann so nicht weitergehen", so Ulrich Müller

Skandinavische Staaten investieren in Studierende

Wenn man Deutschland in den internationalen Vergleich stelle, gebe es sehr unterschiedliche Richtungen. "In den USA und Großbritannien, da ist sozusagen der junge Mensch ein Investor, der in seiner eigenen Zukunft investiert und dafür immense Schulden aufnimmt, vor allem für Studiengebühren“, sagt Ulrich Müller. Auf der anderen Seite gebe es die skandinavischen Länder wie Dänemark, Norwegen, Schweden, Finnland. "Da investiert der Staat in junge Menschen, gibt denen sozusagen ein Grundgehalt, damit sie studieren", so Müller.

Deutschland liege irgendwo mittendrin, aber es werde vor allem zunächst auf die Unterstützung der Eltern gesetzt. Wenn das nicht hinhaue, greife – theoretisch – das Bafög. "Das finde ich eigentlich einen ganz guten Mittelweg. Aber es muss dann auch wirklich ein Modell der Studienfinanzierung sein, was an der Lebensrealität orientiert ist. Und das ist nicht mehr der Fall", sagt er.

Ulrich Müller würde gerne folgende Punkte ändern:

  • Die Fördersätze müssten regelmäßig erhöht, an die Inflation angepasst werden – am besten automatisiert, ohne Diskussion.
  • Bafög muss zeitgemäß werden. Beispiel: Ein Teilzeitstudium ist derzeit nicht förderfähig, aber ein bis zwei Drittel studieren faktisch in Teilzeit. Bafög sollte an diese Realität angepasst werden.
  • Bafög sollte auch über die Regelstudienzeit hinaus gezahlt werden. Denn 67 Prozent der Studierenden brauchen ein oder zwei Semester länger.
  • Auch für Studiengebühren werden Lösungen gebraucht. Derzeit geht das Bafög davon aus, dass keine Studiengebühren bezahlt werden. Aber knapp 12 Prozent studieren an privaten Hochschulen und zahlen Studiengebühren. Hier bräuchte es ein Modell, um sie vorfinanzieren zu können.
  • Kurz und Heute
  • Moderatorin:  Steffi Orbach
  • Gesprächspartner:  Ulrich Müller, leitet den Bereich politische Analysen beim Centrum für Hochschulentwicklung