Noch am Montag (16.01.2017) hatten der Vorstand der Burda Media Holding, Paul-Bernhard Kallen, und der Vorstand von Axel-Springer, Mathias Döpfner, friedlich über die Zukunft des Journalismus im Netz diskutiert. Genau einen Tag später dann der Knaller: Bild, also Axel Springer, verklagt Focus.de, also Burda vor dem Landgericht Köln. Wegen Content-Klau.

Im Netz und mit dem Netz lässt sich eine Menge Geld verdienen. Fragt sich nur, wie. Mit Werbung? Oder mit einem Bezahlmodell, bei dem wir User ganz gezielt den Geldbeutel zücken für etwas, das uns wichtig ist? Auch auf der Netzkonferenz "Digital Life Design" (DLD) in München war das wieder einmal ein wichtiges Thema. Mitgründer der Konferenz ist der Verleger Hubert Burda. Keine 24 Stunden, nachdem die Vorstände von Burda und Springer noch in harmonischem Einklang miteinander diskutierten, ist es mit der Ruhe vorbei.

Was für ein Timing

"Ich denke, das ist das boulevardtypische Gespür für den Knalleffekt, für das maximale Presseecho – und vielleicht auch der angesammelte Leidensdruck: Der Konflikt zwischen Bild und Focus online schwelt schon sehr lange."
Michael Gessat, DRadio-Wissen-Netzreporter

Für Content-Klau gibt es im Urheberrecht eigentlich sehr klare gesetzliche Regeln. Nur: Bei dem von Bild beklagten Content-Klau geht es gar nicht so sehr um Plagiate im urheberrechtlich relevanten Sinne.

"Focus online greift offenbar schon seit geraumer Zeit systematisch Inhalte aus dem Bezahl-Angebot Bild plus ab, formuliert die ein bisschen um und – das ist entscheidend – nennt auch treuherzig Bild als Quelle."
Michael Gessat

Das wäre also eigentlich ein zulässiges Zitieren. In der Klage ist der Akzent wohl aber anders gesetzt: Es gibt nämlich einen gesetzlichen Schutz von digitalen Datenbanken – damit wird praktisch die Arbeit gewürdigt, die zum Aufbau einer solchen Datenbank nötig ist. Und genau diesen Paragraf 87b des Urheberrechtes hat Springer jetzt wohl nach langer Prüfung herausgekramt. Dazu habe man monatelang die eigenen Postings auf Bild plus und die oft ein paar Minuten später erschienenen Artikel bei Focus Online verglichen.

Dschungelnews und verbrannte Penisse

Zwei Umzugskisten seien voll geworden. Das waren exklusive Inhalte wie Neuigkeiten aus dem Dschungelcamp oder ‚Ärzte haben meinen Penis verbrannt‘. Der Witz ist, sagt Michael Gessat, dass diese Meldungen nur eine geringe Schöpfungshöhe haben, sondern eben Fakten sind, so dass das höherwertige Urheberrecht nicht greift.

"Reine Fakten sind nicht geschützt. Aus meiner Sicht ist das völlig irre, dass überhaupt jemand für solchen Content bezahlt."
Michael Gessat

Focus hingegen setzt auf das Clickbait-Prinzip – bezeichnenderweise sei der Focus-Online-Chefredakteur Daniel Steil ein ehemaliger Bild-Journalist. Die Konkurrenten bzw. ehemaligen Kollegen würden sich durchaus intim bei Twitter beharken, berichtet Michael Gessat. Meedia.de bringt jetzt noch einmal ein hübsches Zitat von Julian Reichelt aus dem Jahr 2014: "Als Jurist ist Kollege Steil sehr geschickt darin, so zu klauen, dass er es gerade noch so als Zitieren tarnen kann. Er hat mich auch aufgefordert, nicht weiter von 'klauen' zu sprechen. Aber natürlich macht er genau das und nichts anderes".

Reaktionen auf die Klage

Die Nachricht hat eingeschlagen in der Medienlandschaft. Es interessiert naturgemäß alle, was bei solchen Content-„Inspirationen“ erlaubt ist und was nicht.

"Man hätte nicht ernsthaft gedacht, dass sich die sprichwörtlichen Krähen jetzt die Augen aushacken."
Michael Gessat

Bei Süddeutsche.de schätzt ein juristischer Experte die Erfolgsaussichten der Klage als eher gering ein. Netzreporter Michael Gessat findet das mit Blick auf Focus bzw. Burda "völlig grotesk". Denn beim Thema „Leistungsschutz“ werfe Burda zum Beispiel auch Google Content-Klau vor – und dabei gehe es "nur" um Überschriften und Teaser. Selbst klaue oder vollzitiere man dagegen völlig ungeniert ganze Artikel – zumindest, wenn die Behauptung der Bild zutrifft.