Die Tatsache, dass Waschbären niedlich aussehen, lässt uns gern vergessen, dass sie waschechte Raubtiere sind. Und das bedeutet: Sie fressen andere Tiere – leider auch Arten, die bei uns bedroht sind, berichtet der Ökologe Norbert Schneeweiß. Etwa die Europäische Sumpfschildkröte.

Wenn der Mensch in die Natur eingreift, geht das selten gut. Auch im Fall des Waschbären ist das nicht anders. Ob die ersten ihrer Art in Deutschland nun ausgesetzt wurden oder aus einer Pelztierfarm fliehen konnten – ihre Nachfahren breiten sich derzeit rasant bei uns aus, erklärt Norbert Schneeweiß von der Naturschutzstation Rhinluch in seinem Vortrag.

In Deutschland keine natürlichen Feinde

Die ursprünglich aus Nordamerika stammenden Kleinbären haben bei uns keine natürlichen Feinde. Und ihre Speisekarte ist riesig. Vielerorts sind sie so längst zur Plage geworden. Und viel wichtiger noch: Sie bedrohen heimische Tierarten.

"Die Population in Deutschland dürfte inzwischen mehrere Millionen Waschbären umfassen."
Norbert Schneeweiß, Ökologe

Der Ökologe Norbert Schneeweiß nennt in seinem Vortrag unter anderem das Beispiel der Europäischen Sumpfschildkröte, die in Deutschland fast ausgestorben ist. Wenn diese Schildkröten es früher erst mal geschafft hatten, so groß zu werden, dass ihr Panzer hart war, konnte ihnen kein Tier mehr etwas anhaben. Die eingewanderten Waschbären aber, so beobachten die Naturschützer, haben gelernt, den Panzer der Tiere aufzubrechen.

"Diese Schildkröten waren in dem Moment, wo sie einen ausgehärteten Knochenpanzer hatten, quasi ohne Fressfeinde. Das hat sich qualitativ mit der Einwanderung des Waschbären geändert."
Norbert Schneeweiß, Ökologe

Im Vortrag berichtet Norbert Schneeweiß auch von anderen Tierarten, denen der Waschbär zusetzt – von bodenbrütenden Vögeln etwa oder Erdkröten. Außerdem diskutiert er die Möglichkeiten, diese Tiere vor dem Waschbären zu schützen – die Ideen reichen von Jagd über Verhütung bis hin zu Elektrozäunen. Die ultimative Lösung scheint aber noch nicht gefunden.

Nachtaufnahme einer Wildkamera: Ein Waschbär frisst eine Erdkröte
© LFU / Norbert Schneeweiß
Mitternachtssnack: Ein Waschbär frisst eine Erdkröte.
"Seit dem Jahr 2000 haben wir zunehmend Eingriffe von Waschbären in Amphibien-, Sumpfschildkröten- und wahrscheinlich auch Kreuzotter-Populationen zu verzeichnen. Und natürlich in Vogelvorkommen."
Norbert Schneeweiß, Ökologe

Der Biologe Norbert Schneeweiß arbeitet für die Naturschutzstation Rhinluch des Landesamtes für Umwelt Brandenburg, die unter anderem den landesweiten Amphibien- und Reptilienschutz koordiniert und ein Schutzprojekt für Sumpfschildkröten betreibt. Seinen Vortrag "Hat der Artenschutz ein Waschbärproblem?" hat er am 26. Juni 2019 im Rahmen der Günther-Tembrock-Lecture an der Humboldt Universität Berlin gehalten. Diese Vorlesung wird jährlich von der HU und der Günter-Tembrock-Stiftung in Gedenken an den 2011 verstorbenen Verhaltensbiologen Günter Tembrock veranstaltet.