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Schottland war Vorreiter, Frankreich und Neuseeland haben später nachgezogen: Mit Binden und Tampons, die kostenlos verteilt werden. Ein ähnliches Projekt soll jetzt auch in Hamm in Nordrhein-Westfalen an den Start gehen.

Es ist ein Pilotprojekt: In Schulen und Bürgerämtern in Hamm (NRW) wird es bald Automaten mit kostenlosen Tampons und Binden geben. Es gilt als sicher, dass die rot-gelb-grüne Koalition im Stadtrat von Hamm das Projekt heute (23.03.2021) für gut befinden wird. Die Idee zu der Aktion hatte Jule Pletschen, 22 Jahre alte Lehramtsstudentin und SPD-Stadträtin in Hamm.

"Mir wurde berichtet: Junge Mädchen an Schulen in Hamm ziehen mehrere Unterhosen an oder benutzen Stofffetzen."
Jule Pletschen, SPD-Stadträtin in Hamm

Zum einen seien es die eigenen Erfahrungen gewesen, die sie als Frau und als junges Mädchen in der Schulzeit gemacht habe. Zum anderen habe sie viele Gespräche mit Leuten geführt, die in Hamm an Schulen arbeiten und ihr berichtet hätten, dass Mädchen dort keine Binden oder Tampons haben und stattdessen mehrere Unterhosen übereinander anziehen oder Stofffetzen benutzen.

Außerdem habe sie natürlich auch die europa- und weltweite Debatte über Periodenarmut mitbekommen – und gesehen, dass andere Länder da vorangehen. So sei ihr Entschluss gereift, dieses Projekt auch in Hamm zu initiieren: "Was die können, das kann Hamm auch."

Periodenprodukte sind teuer

Periodenarmut gibt es nicht nur in anderen Ländern, sagt Jule Pletschen. Menstruierende geben schätzungsweise mehrere Tausend Euro in ihrem Leben für Periodenprodukte aus. Wenigstens ist in Deutschland seit letztem Jahr die Mehrwertsteuer darauf reduziert worden – von 19 auf sieben Prozent, berichtet Anna Kohn von Deutschlandfunk Nova.

"20.000 Euro sollen in Hamm über zwei Jahre für Binden und Tampons ausgegeben werden."
Anna Kohn, Deutschlandfunk Nova

Die Automaten sollen zunächst in den Mädchen-Toiletten der weiterführenden Schulen in Hamm aufgestellt werden – weil gerade Jüngere auch mal überraschend ihre Tage bekommen, wenn das noch nicht so eingespielt ist. Außerdem sollen sie in den Bürgerämtern ihren Platz finden. Jugendzentren haben aber auch schon angefragt, hat uns Jule Pletschen erzählt.

Man müsse jetzt einfach schauen, für wie viele Automaten das Geld ausreicht. 20.000 Euro sollen über einen Zeitraum von zwei Jahren dafür ausgegeben werden. Die junge SPD-Politikerin möchte das Projekt gern auch von einer Hochschule begleiten und wissenschaftlich auswerten lassen.

Problem Vandalismus

Natürlich könnte es passieren, dass ein paar Dreizehnjährige "aus Spaß" einfach mal zehn Päckchen aus dem Automaten herausnehmen, erwartet Jule Pletschen. Die kostenlosen Produkte an eine Apotheke abzugeben, die diese dann weiterverteilt, könnte also die bessere Lösung sein. Hier habe man sich aber ganz bewusst dagegen entschieden, sagt Jule Pletschen. Stichwort: Periodenscham. Nicht jeder Mensch geht gerne in die Apotheke, um sich die Produkte abzuholen. Wenn ein völlig normaler Vorgang – die Monatsblutung – nicht schambehaftet wäre, wäre das natürlich am allerbesten. Doch an diesem Punkt sind wir leider noch nicht.

Die Automaten sollen besonders sicher sein, sagt die Lokalpolitikerin. Manche werden außen an der Wand angebracht, andere in der Wand verbaut. Der Reiz, den Automaten quasi zu plündern, wird sich schnell erledigt haben, hofft sie. Am Anfang seien die Teile neu, doch bald sei das dann auch nicht mehr spannend.

Gemischte Reaktionen

Die Reaktionen in Hamm sind wohl ziemlich gemischt: Die einen finden es super, andere sagen "Das haben wir vor 30 Jahren auch nicht gebraucht" oder "Dann müsst ihr auch Rasierer ausgeben". Das Rasierklingen-Argument lässt Jule Pletschen nicht gelten. Sich mal den Bart eine Woche lang stehen zu lassen, sei weniger schlimm, als eine Woche lang zu bluten. Und: Auch wenn Menstruierende die Periodenprodukte während des Pilotprojektes kostenlos bekommen – Schmerzmittel müssen sie immer noch selbst kaufen. Diese kommen, je nachdem wie die Periode verläuft, noch dazu.

Einige SPD-Fraktionen aus anderen Städten haben übrigens schon angefragt, ob sie mal den Antrag sehen können, hat uns Jule Pletschen verraten.