Boris Palmer ist Grünen-Politiker und Tübingens Oberbürgermeister. Ende 2015 leben dort 1200 Flüchtlinge - und vor allem mit jungen Männern zwischen 15 und 30 gibt es Probleme, sagt er im Interview mit Deutschlandfunk Nova.

Im Jahr 2015 erreicht die Flüchtlingskrise Europa, mehr als eine Million Menschen fliehen vor Krieg und Armut in die Europäische Union. Die meisten Asylanträge werden in Deutschland gestellt. "Heute haben wir die Lage im Griff, im Herbst 2015 ist sie der Regierung aber völlig entglitten", sagt der Grünen-Politiker Boris Palmer im Gespräch mit Deutschlandfunk Nova.

Moralisches Dilemma in der Flüchtlingshilfe

Boris Palmer ist der Oberbürgermeister von Tübingen in Baden-Württemberg. Hier leben fast 90.000 Menschen. Darunter Ende 2015 knapp 1200 Flüchtlinge. "Wir können nicht allen helfen", sagt Palmer und hat eben diesen Titel seinem neuen Buch gegeben. "Und mit diesem moralischen Dilemma müssen wir alle klarkommen."

"Wenn man sich Illusionen macht, kann man die Flüchtlinge auch nicht richtig behandeln."
Boris Palmer

Bei aller Hilfsbereitschaft müsse über die Grenzen der Belastbarkeit in Deutschland gesprochen werden. Und die gebe es an vielen Stellen, so Palmer: bei der Aufnahmefähigkeit des Wohnungsmarktes, der Kindergärten, der Ausbildungssysteme, der Schulen. "Man kann nicht beliebig viele Menschen in ein Land holen und sie integrieren." 

"Viele Flüchtlinge interpretieren unsere Liberalität als Laissez-faire und verstehen gar nicht mehr, wo die Grenzen des Erlaubten sind."
Boris Palmer

In Tübingen habe es schlechte Erfahrungen mit kriminellen Flüchtlingen gegeben. Vor allem mit jungen Männern zwischen 15 und 30 gebe es Probleme. "Die meisten sind allein, leben in Gemeinschaftsunterkünften, haben keine Arbeit und oft auch keine Perspektive", sagt Palmer. "Da ist es nicht sehr verwunderlich, dass die auffällig werden."

Boris Palmer: Abschiebungen viel zu langsam

"Abschiebungen laufen furchtbar schlecht", sagt Boris Palmer. "Weil derzeit vor allem Leute abgeschoben werden, die schon lange da sind, die gut integriert sind. Die Asylanträge müssten so schnell bearbeitet werden, dass sie spätestens nach einem halben Jahr zur Ausreise aufgefordert werden können. Aber auch in Tübingen funktioniere das nicht.

Ein langer Weg

So bleibt immer noch viel zu tun, fast zwei Jahre nach dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise. Ein großer Teil der Flüchtlinge in Tübingen müssten noch die Sprache erlernen, eine Ausbildung machen, einen Job finden. Die Integration wird noch dauern. Boris Palmer: "Es wird ein langer Weg sein."

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