Zwangsehe einmal andersherum: In Indien werden jährliche tausende Männer verschleppt, verprügelt und zwangsverheiratet. Die Familien der Bräute wollen damit um die teure Mitgift herumkommen.

Vinod Kumar ist Juniorchef eines Stahlwerks. Er lebt im Bundesstaat Jharkhand und ist eigentlich eine gute Partie. Als sein Vater eines Tages ins Koma fällt, stellt sich ihm ein Mann namens Surender vor. Er behauptet ein Freund seines Vaters zu sein. Nach dem Tod seines Vater hält Vinod den Kontakt zu Surender aufrecht. Und irgendwann lädt Surender Vinod zu seiner Hochzeit im Bundesstaat Bihar ein. Und dort passiert es dann: Vinod wird verprügelt und eingesperrt. Surender fordert von ihm, dass er seine Schwester heiraten solle, die schon Mitte 40 ist. Ein Alter, in dem sie nicht mehr erwarten kann, einen Mann zu finden, der sie heiraten möchte, erzählt unser Korrespondent 

"Er wurde einfach eingesperrt, verprügelt und sie sagten ihm: 'jetzt heiratest du sie'. Es wurde tatsächlich eine richtige Hochzeitsfeier angesetzt. Es gibt Fotos davon: Der arme Kerl sitzt da in seiner Tracht und heult."
Jürgen Webermann, Deutschlandfunk-Nova-Korrespondent
Vinod Kumar wurde entführt und zwangsverheiratet.
© Nick Kaiser | picture alliance
Vinod Kumar wurde entführt und zwangsverheiratet. Mithilfe seiner Familie und seinen Freunde gelang es ihm, zu entkommen.

Bihar ist einer der ärmsten Bundesstaaten in Indien. Hier gibt es besonders viele Kriminelle, sagt Deutschlandfunk-Nova-Korrespondent Jürgen Webermann. Es käme hier mehrere tausend Male pro Jahr zu Entführungen von jungen unverheirateten Männern. In anderen indischen Bundesstaaten wiederum gebe es solche Entführungen gar nicht.

Screenshot aus einem Video zur Eheschließung von Vinod Kumar.
© Screenshot | Youtube, 08.03.2018
Der entführte und zur Hochzeit gezwungene Vinod Kumar sitzt während seiner Eheschließung weinend am Boden.

Surenders Familie will mit dieser Zwangsehe schlicht Geld sparen, erzählt Jürgen Webermann. Bei einer Eheschließung ist in Indien immer eine Mitgift fällig. Viele verarmte Familien in Bihar könnten sich aber genau das nicht leisten. 

Nach Vinods Zwangsvermählung zwingt Surender ihn, seinen Bruder anzurufen. Vinod soll seinem Bruder von seiner angeblich freiwilligen Hochzeit erzählen. Vinods Bruder jedoch findet die ganze Situation suspekt und informiert die Polizei. Doch statt Vinod aus seiner Lage zu befreien, setzen die Beamten ihn unter Druck. Er soll die Hochzeit akzeptieren. 

Erst als Vinods Familie mit dem Fall an die Öffentlichkeit geht, gelingt es ihr den Zwangsverheirateten zu befreien. Vinods Glück: Es gibt keine Heiratsurkunde, die die Gültigkeit der Ehe belegt. Vinod möchte die Eheschließung für ungültig erklären lassen und juristisch gegen die Täter vorgehen.

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