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Schießereien zwischen rivalisierenden Gangs oder mit den Sicherheitskräften – Gewalt gehört in Brasilien vielerorts zum Alltag. Die Polizei ist häufig überfordert. Eine Hoffnung für die friedlichen Bewohner gerade der Metropolen sind Sicherheits-Apps, die vor Schusswechseln warnen.

Die hochgerüsteten Schwerverbrecher haben praktisch kaum noch Hemmungen, das hat Brasilien gerade jetzt, Anfang Dezember, wieder erfahren – bei mehreren groß angelegten Banküberfällen: Um einen Tresor der brasilianischen Zentralbank zu sprengen, blockierten Kriminelle im südbrasilianischen Criciúma einfach mit einem Dutzend SUV die Zufahrten zur Stadt und zur Polizeiwache. Bei einem Bankraub im nordbrasilianischen Cametá wurde ein Unschuldiger erschossen, die Verbrecher entkamen.

Genau das ist die Gefahr bei diesen Auseinandersetzungen: Dass Menschen ohne Schuld zwischen die Fronten geraten und schlimmstenfalls von einem Querschläger getroffen oder einfach erschossen werden. Die Bedrohungslage ist durchaus realistisch: In der Stadt Rio de Janeiro zum Beispiel wurden im vergangenen Jahr durchschnittlich 20 Schießereien pro Tag gemeldet. Im Bundesstaat Rio de Janeiro gab es 2020 bislang mehr als 3000 Schießereien. Wer da gegen wen kämpft, kann man sich mittlerweile auch auf einer Landkarte anschauen.

Anti-Schießerei-Apps nutzen Schwarmintelligenz

Wenn Polizei und Sicherheitskräfte überfordert sind, braucht es Möglichkeiten, um sich notfalls selbst helfen zu können. Eine davon sind Anti-Schießerei-Apps, die mithilfe von Schwarmintelligenz fast so etwas wie ein Echtzeit-Lagebild der Umgebung liefern, berichtet Deutschlandfunk-Nova-Netzreporter Andreas Noll.

"Die Nutzenden bekommen Infos darüber, wo es gerade in ihrer Stadt Schießereien gibt. Für viele Brasilianerinnen und Brasilianer ist das eine große Hilfe."
Andreas Noll, Deutschlandfunk-Nova-Netzreporter

Die User selbst füttern die Apps mit Informationen. Vorher muss aber die Infrastruktur geschaffen werden: Im Fall der inzwischen weit verbreiteten App "Fogo Cruzado" ("Kreuzfeuer") war das eine Journalistin, die Daten über die Folgen von Querschlägern bei Schießereien gesucht, aber nicht gefunden hat. Daraufhin hat sie die Informationen selbst zusammengetragen und auf Google Docs veröffentlicht. Später hat Amnesty International diese Datenbank zu einer App weiterentwickelt – heute hat Fogo Cruzado mehr als eine Viertelmillion User.

Noch erfolgreicher ist die App "OTT", das steht für "Onde tem tiroteio" und heißt "Wo gibt es eine Schießerei?". Sie wurde bereits mehr als 1,2 Millionen Mal heruntergeladen und ist vor allem in Rio de Janeiro und im Bundesstaat São Paulo sehr verbreitet. Bei OTT können auch Journalistinnen und Journalisten Daten über Vorfälle anfragen. Der Nutzen der User steht aber klar im Zentrum: "Unser Hauptziel ist, dass die Menschen sich mit unserer Hilfe sicherer von A nach B bewegen können", sagte einer der Verantwortlichen der Deutschen Welle.

Sicherheitsmechanismen gegen App-Missbrauch

Dass die Nutzenden selbst die Vorfälle melden, kann Segen und Fluch sein: Denn natürlich besteht die Gefahr, dass die App missbraucht und Schießereien erfunden werden, um so das Gefühl der Unsicherheit in der Stadt weiter zu erhöhen.

Diverse Whatsapp-Gruppen, in denen die Schießereien ebenfalls zentrales Thema sind, haben Sicherheitsmechanismen eingeführt, um gegen solche Falschinformationen vorzugehen: Wenn jemand eine Schießerei meldet, wird der Vorfall von einem App-Team aus Festangestellten, Aktivistinnen und Freiwilligen (etwa Taxifahrern, die gerade in der Nähe sind) gecheckt und die Ergebnisse auf die Plattform geladen. Mit einer derart verifizierten Information können die App-Nutzer, die sich gerade auf den Ort zubewegen, dann wirksam alarmiert werden.

Apps erhöhen Druck auf Brasiliens Politik

Eigentlich müsste ja der brasilianische Staat selbst Mechanismen entwickeln, um seine Bürgerinnen und Bürger wirksam zu schützen. Für die Behörden sind die Apps – und deren Erfolg – also schon eine Konkurrenz, sagt Andreas Noll. Denn sie bedrohen die Informationshoheit des Staates und kommen den politisch Verantwortlichen in die Quere.

Gerade Fogo Cruzado hat eine politische Agenda – die Beteiligung von Amnesty International legt es nahe. Die App ist zwar vor allem ein Service-Angebot, sie soll aber auch Druck auf die Regierung ausüben, indem sie das Problem der Gewalt im Land in Zahlen dokumentiert.

"Die Apps bedrohen die Informationshoheit, die der Staat in diesem Sicherheitsbereich häufig ausübt."
Andreas Noll, Deutschlandfunk-Nova-Netzreporter

Ein Beispiel ist die Küstenstadt Recife: Nachdem die Gewalt dort stark zugenommen hat, gingen die Nutzungszahlen von Fogo Cruzado nach oben. Und je mehr sich die Situation verschlechterte, umso spärlicher wurden die Informationen, die die Stadt selbst veröffentlichte. Es gab eine regelrechte Zensur, berichtet unser Netzreporter. Durch die Daten der Warn-App werde diese jetzt ein Stück weit umgangen – das sei eine hochpolitische Angelegenheit, weil die Bürger auf einmal mehr wissen, als sie nach Meinung der Herrschenden wissen sollten.